Der Querschläger
Supplément der Kalaschnikow


Gegenwelt - Ein Überlebensmittel

A. Branstnereien
Kategorien und Paradoxien
Kleines Lexikon großer Kuriositäten


Kategorien Das sind von mir neu erdachte oder spezifisch geprägte Begriffe.

„Altgläubige“

„Altgläubige“ sind wie die Reformisten die Konkursmasse des „realen Sozialismus“. Sie erkennen im wesentlichen keinen anderen als den gescheiterten Sozialismus und reagieren gewöhnlich allergisch auf Kritik an ihm. Auch schleppen sie in Teilen seine Denkweisen und moralischen Krankheiten mit sich fort. Im Kampf gegen die Reformisten sind sie verläßliche Partner.
Die Aufspaltung in „Altgläubige“ und Reformisten ist weltweit die charakteristische Situation der Linken heute.

Arbeiterklasse

Viele Sozialisten glauben nicht mehr daran, daß die Arbeiterklasse revolutionäres Subjekt sein kann. Sollen sie doch die Wiener Sängerknaben engagieren. Für Geld machen die alles.

Bruchlandung

Die meisten, wenn nicht alle Unternehmungen mit großer Zukunft beginnen mit Bruchlandungen. Davon zeugt nicht nur Otto Lilienthal. Auch Spartakus, Columbus, Müntzer, die Theorie der Urzeugung, des Weltäther, Zeppelin. Auch der Kapitalismus macht da keine Ausnahme. Robespierre und Napoleon sind nur die eklatantesten Beispiele. Allein der Sozialismus soll mit der ersten Bruchlandung für alle mal klein beigeben. Dabei ist er die Unternehmung mit der größten Zukunft und die allerschwierigste dazu. Da wird es mit einer Bruchlandung nicht getan sein.

Clowns der Weltpolitik

Nach Lenin waren die „großen“ Führer des Sozialismus fast ausnahmslos dumme Auguste, aber auf den Brettern der wirklichen Welt. Die traditionelle Vorstellung, daß das Komische nicht mächtig und das Mächtige nicht komisch sein kann, entspricht nicht der Wirklichkeit. Das fing an mit Stalin, der im Wahne der Erhaltung der persönlichen Macht nichts so haßte wie die Sozialisten, weshalb er diese und nicht bürgerliche Leute verfolgte und umbrachte, so den kommunistischen Regisseur Meyerhold und nicht den bürgerlichen Stanislawskij. Vor allem aber enthauptete und entmannte er die kommunistische Partei. (Ohne diese Entmannung der Partei wäre ein Gorbatschow nicht möglich gewesen.) Das setzte sich fort mit Chruschtschow, der die USA in zehn Jahren eingeholt und den Kommunismus in zwanzig Jahren errichtet haben wollte. Während Lenin den vollkommenen Sozialismus in einem Lande für unmöglich hielt, hielt Nowotny sogar den Kommunismus in einem Lande für möglich, und das in einem Zwergenlande wie der CSSR, und ohne Vereinbarung mit den anderen sozialistischen Ländern. Breschnew wiederum segnete mit der Zauberformel der „materiellen Basis des Kommunismus“ die Stagnation und den Austritt des Sozialismus aus der Geschichte. Diesen frei erfundenen Kommunismus wollte Honecker nach eigener Aussage zu Lebzeiten noch erreichen. Ein weiteres Beispiel für die Grotesken der dummen Auguste sind die schrecklichen Kapriolen Maos. Der große Sprung hatte einige Millionen Tode zur Folge, und die Folge der Kulturrevolution war schließlich die schlimmste Verbürgerlichung in Form der Politik Dengs. Obwohl, wie die Ironie der Geschichte so spielt, Mao mit der Kulturrevolution einen, allerdings verqueren, Schlag gegen die Verbürgerlichung führen wollte. Gorbatschow schließlich wolle einen modernen Sozialismus, und als er statt dessen lauter Pleiten fabrizierte, erklärt er diese Pleiten zu seinem Ziel. Der Gipfel der Clownerie.
Soviel dumme Auguste konnte selbst der Sozialismus nicht aushalten.
Unsere „unfehlbaren“ Führer lebten zunehmend in auf ihre Anordnung hin für sie errichteten Potemkinschen Dörfern. Um den doppelten Widersinn deutlich zu machen: Sie lebten von ungedecktem Falschgeld.

Eigentliche Revolution

Der Kapitalismus begann nicht erst mit der großen französischen Revolution und der Feudalismus endete nicht mit ihr. Der Übergang von einer Gesellschaftsordnung zur anderen ist vielmehr ein Jahrhunderte währender historischer Prozeß, und die Revolution ist nur ein Höhepunkt innerhalb dieses Prozesses. Dieser Prozeßcharakter wird vom Übergang des Kapitalismus in den Kommunismus noch weit übertroffen, womit die Vorstellungen von Marx und Lenin grundlegend korrigiert werden. Der Kapitalismus stirbt nicht an einer Revolution. Er, und mit ihr die Klassengesellschaft, hat einen über Jahrhunderte reichenden Prozeß eines historischen Übergangs. Ebenso ist die Revolution ein langdauernder mehrgliedriger Vorgang. Sie reicht von den mißlungenen oder gescheiterten Revolutionen über die gelungenen, die Realisierung der zwei Stufen des Sozialismus bis zur Verwirklichung der 5 großen historischen Projektionen des Kommunismus, wie in der „Neuen Weltofferte“ dargestellt. Welcher Vorgang, da er die eigentliche Geschichte zum Ziel hat, die eigentliche Revolution genannt werden muß.

Freiheit

Freiheit ist nicht Freiheit des Reisens oder der Rede. Das sind nur Reflexe von ausnahmsweiser Unfreiheit. Wir müssen 3 wesentliche Formen von Freiheit betrachten.
Die erste ist die Freiheit in unserem Verhältnis zur Natur die, einerseits mit der Zunahme der Naturerkenntnis und der technischen Entwicklung zunimmt, mit der Verschärfung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse andrerseits abnimmt.
Die zweite Form der Freiheit ist die Freiheit von nationaler und sozialer Unterdrückung, die Freiheit von Ausbeutung.
Die dritte Form ist die Freiheit von geistiger, politischer Verblödung, die mit dem Einfluß der Massenmedien erschreckende Ausmaße angenommen hat.
Die Hegel folgende Definition von Friedrich Engels, wonach die Freiheit in der Erkenntnis der natürlichen Gesetze und deren praktischer Anwendung beruht, war schon sehr einseitig und wurde vom Stalinismus zur Einsicht in die Notwendigkeit pervertiert.
Freiheit ist vor allem soziale Freiheit. Aus ihr ergibt sich das Verhältnis zur Natur. Die Gleichheit (im Eigentum an den Produktionsmitteln) ist die Bedingung aller Freiheit, und die Heiterkeit ist Form und Genuß der Freiheit. Gleichheit, Freiheit, Heiterkeit, das ist die absolute Triade.

Gleichheit

Gleichheit ist das oberste Gebot des wirklichen Humanismus. Ohne sie geht alles schief und endlich zu Bruch. Und mit ihr sind alle Fragen lösbar. Allerdings nur, wenn sie in dem Sinne, wie ich sie in der „Neuen Weltofferte“ dargestellt habe, verstanden wird. Sie ist die echte Voraussetzung für die Individualität des Menschen, und die echte Individualität des Menschen ist die Voraussetzung für die wirkliche Gleichheit.

Irrtümer der Geschichte

Marx sagt vom Wertgesetz, daß es sich durchsetzt, indem es sich nicht durchsetzt, nämlich der Einzelfall ihm widerspricht. Leider ist Marx erst in seinen letzten Tagen, also zu spät auf die Idee gekommen, daß diese Ungehörigkeit auch den Gesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung eigen sein könnte. In der Tat irrt sich die Geschichte öfter als daß sie ihren Gesetzen folgt, um ihnen eben doch auf diese Weise endlich zu folgen. So ist der Übergang von der Urgesellschaft zur Klassengesellschaft in Form der Sklaverei vermutlich ihr größter Irrtum gewesen. Die Sklaverei, vornehmlich im alten Rom, war vorweggenommener Kapitalismus. An dieser Überforderung der Geschichte ist das alte Rom, die Sklaverei gescheitert. In 80 Prozent der Fälle war der Feudalismus die der Urgesellschaft folgende Gesellschaftsordnung, nicht die Sklaverei.
Der größte Irrtum der Geschichte überhaupt ist aber wohl die Bedingung, die sie für den Übergang der Klassengesellschaft in die klassenlose Gesellschaft geschaffen hat. Die mehrtausendjährige Verderbnis des Menschen durch die Klassengesellschaft, die ihren Gipfel in seiner politischen Verblödung hat, soll das edelste Ziel der Menschheit, die eigentliche Geschichte hervorbringen. Und daß der Übergang in der Peripherie beginnt, also unter den schlechtesten Voraussetzungen, macht den Irrtum noch größer. Und wir müssen ihn teuer bezahlen.

Klartext

Klartext bedeutet gewöhnlich nicht mehr als die unverblümte Wahrheit sagen. Aber wie will der Opportunist die Wahrheit sagen, oder der Leisetreter, oder der Kriegsliebhaber, der Antisemit, der Rassist, der politisch Unkundige oder der Fehlgeleitete, der Karrierist oder auch nur der Eitle? Kapitalistisch denken ist unhygienisch, kapitalistisch reden ein Verbrechen. Wo wird der Meinungsstreit zur Rechthaberei oder zur Beschädigung des Streitpartners?
Klartext ist nicht nur eine Frage des Charakters, er ist auch eine hohe Kunst.

Kommunismus

Kommunismus ist das am meisten verunstaltete und verleumdete Wort der Welt. Ihm gebührt ein Ehrenplatz im Guiness-Buch der Rekorde. Mehr als der Kommunismus selber wird seine Verballhornung bekämpft. Vor allem von den Verballhornern.
Allerdings ist er von Marx und Engels und auch von Lenin nur sehr dürftig charakterisiert worden. Meine 5 großen historischen Projektionen kennzeichnen erstmalig seinen wesentlichen Inhalt, ohne ihn damit schon völlig erfaßt zu haben.
Wenn Engels meinte, daß man über die zukünftige Entwicklung der Menschheit mehr Negatives als Positives sagen könne, mehr was wegfällt, so ist das eine zwar ehrenwerte, aber phantasielose Bescheidenheit.
Allerdings kann man nach dem Scheitern des „realen Sozialismus“ mehr über den Kommunismus sagen als vorher. Doch wer nutzt das Scheitern schon als Chance des Klügerwerdens?

Kultivierte soziale Vererbung

Gesellschaftliches Wesen ist der Mensch durch die Erfahrungen, die er selber macht und die andere, die Eltern, die Großeltern, die Schule, die Straße, die Politik, die Medien, Geschichtsbücher und andere Informationsträger ihm vermitteln. Diese Erfahrungen und ihre Vermittlungen sind zufällig, lückenhaft, ungewollt oder gewollt verfälscht und von den herrschenden Interessen bestimmt. Ihre Läuterung, ihre Kultivierung stößt auf tausend Widerstände und braucht tausend Voraussetzungen, z.B. eine tiefgehende Aufklärung und eine über Jahrhunderte reichende Welle von sozialistischen Revolutionen. Bis dahin müssen wir uns mit einer Karikatur des gesellschaftlichen Menschen begnügen. Der Glaube an den Menschen jedenfalls ist ein Irrglaube.

Kunst

Kunst ist Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit. Natürlich hat sie neben dieser generellen Funktion noch hundert spezielle. Überdies ist diese Definition voll gültig erst in einer Zeit, wo die Gesellschaft auf das Spiel mit ihr eingerichtet ist.

Marxismus der Beletage

Die konsequenteste Kritik des Marxismus ist seine Fortsetzung. Die ist allerdings nur mittels seiner möglich und nicht gegen ihn. Und der Marxismus bedarf der gründlichen Kritik sowohl als Korrektur wie auch als Ergänzung und Erweiterung. Hier nur einige Beispiele. Marx und Lenin sehen die Geschichte nicht als eine Geschichte von Irrtümern, speziell was den Übergang von der Klassengesellschaft zur klassenlosen Gesellschaft betrifft. Die ökonomische Seite des Marxismus ist übergewichtig, und doch fehlen die beiden wichtigsten Teile, eine handliche Geschichte der Menschheitsökonomie und die Ökonomie der klassenlosen Gesellschaft, des Sozialismus/Kommunismus. Dagegen wird die Entfesselung der Produktivkräfte unter den sozialistischen Produktionsverhältnissen völlig verkehrt eingeschätzt. Der Revolutionsbegriff von Marx und Lenin ist nahezu provinziell. Daher ist die Charakterisierung der Zukunft kümmerlich, was durch die 5 historischen Projektionen offenbar wird.
Die Fortsetzung des Marxismus hebt ihn auf eine qualitativ höhere Ebene, sie gibt ihm eine höhere Attraktivität und Menschlichkeit, eine schönere Souveränität.

Politik ohne Netz

Das ist ein Widerspruch in sich. Politik ist Ängstlichkeit, Rücksichtnahme, Absicherung, Rückversicherung, Sicherung der Karriere. Sucht nach Macht und allem, was ein integrer Mensch nicht ist.
Politik ohne Netz kann nur betreiben, wer sie ernstlich abschaffen will.

Reformist

Reformisten sind die Madenhacker des Kapitalismus.

Technik der Heiteren Verstellung

Die heitere Verstellung verstellt erstens, damit das Publikum richtig stellen muß, wodurch das Richtiggestellte zu seinem Eigenen wird. Beispiel ist die Tierfabel, wo der Löwe zum Exempel für den König steht, der in Wirklichkeit gemeint ist. Und zweitens verstellt die Heitere Verstellung gleichnishaft, denn anstelle des Löwen ist der König, aber auch der Regierungschef, der alte oder der neue, aber auch der Abteilungsleiter setzbar. Ebenso im Falle aller anderen Tiere.
Der Hauptpunkt aber ist, daß die Heitere Verstellung von der Position der unbotmäßigen Heiterkeit aus geschieht. Diese Heiterkeit ist die Quintessenz der Gegenwelt, vor der nichts Bestand hat, vor der die wirkliche Welt in allen Teilen im Grunde unrichtig, falsch, menschenunwürdig, der Verachtung und des Verlachens wert ist.
Die Heitere Verstellung, auch als Methode der dialektischen Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit definierbar, kann auch als Lebenskunst genommen werden.

Unbotmäßige Heiterkeit

Die unbotmäßige Heiterkeit ist nicht die systemimmanente Heiterkeit, die von Aristophanes bis Wolfgang Neuss reicht, von Dieter Hildebrandt bis zur Distel, sie ist vielmehr systemsprengende Heiterkeit. Als das hat sie in der Klassengesellschaft ihren Grund und ihre Notwendigkeit, aber auch ihre Not. Ihre schönste Blüte hatte sie in der Commedia dell’arte.
Ihren eigentlichen Höhepunkt erfährt sie in unserer Zeit, wo mit dem Marxismus als Voraussetzung und mit der klassenlosen Gesellschaft als Vision, die Klassengesellschaft in die systemzerstörende Zange genommen wird. Der Pionier war Bertolt Brecht.

Verbürgerlichung

Die linken Parteien sind wie alle anderen Hervorbringungen der bürgerlichen Gesellschaft und funktionieren im System des bürgerlichen Parlamentarismus, des bürgerlichen Parteiensystems. Daher ist die Tendenz zur Verbürgerlichung in ihnen angelegt. Mit zunehmendem Alter verstärkt sich diese Tendenz, um im Endstadium, dem bloßen Kampf um die Machterhaltung, zur Selbsttötung der sozialistischen Potenz zu führen.
Eine allgemeine Ursache der Verbürgerlichung ist mit der mehrtausendjährigen Verderbnis der Menschheit gegeben, die die menschliche Integrität auch der linken Parteien beträchtlich beeinflußt.
Das Scheitern der ersten Wege des Sozialismus hat seine Hauptursache in der Verbürgerlichung der sozialistischen Parteien.

Weltparodie

Meine Dichtung und meine Philosophie sind weder eine gegenseitige Rechtfertigung noch stehen sie beziehungslos nebeneinander. Vielmehr befördern sie sich gegenseitig. So bewirkt meine Philosophie der Gegenwelt ein anderes Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit. Während die Parodie gewöhnlich auf einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Person zielt, bezieht sie sich jetzt auf die Welt als ganze, indem sie ein und für alle mal mit ihr fertig ist. Das hat heitere Radikalität zur Voraussetzung und heitere Poesie zur Folge.

Zweite Aufklärung

Im Unterschied zur ersten Aufklärung geht die zweite vom Verständnis der historischen Kausalitäten aus und von der Erkenntnis der einmaligen kritischen Situation der Menschheit. Sie ist die umfassende gedankliche Durchdringung dieser Welt und geistige Bedingung ihrer Rettung. Die Zweite Aufklärung ist auch definierbar als die Verknüpfung von kultivierter sozialer Vererbung und historischer Vorahmung. Das ist der Gipfel des modernen Denkens.

Zweite Menschwerdung

Das ist die Realisierung der 5 großen historischen Projektionen, wie ich sie in der „Neuen Weltofferte“ dargestellt habe.

Paradoxien

Das sind Quintessenzen aus Essays und Glossen, in denen ich allgemein anerkannte Auffassungen in ihr Gegenteil verkehre, wodurch die Wahrheit gewonnen wird.

Zwangsvereinigung von KPD und SPD

Der Zusammenschluß beider Parteien, der von Egon Bohr und anderen Heuchlern vehement als Zwangsvereinigung verleumdet wird, war in Wirklichkeit das Gegenteil, nämlich der Beginn ihrer Trennung. Die Vereinigung hatte in den Konzentrationslagern stattgefunden (Schwur von Buchenwald). Die Vereinigung nach dem Ende des Faschismus war, so freiwillig sie war, in Wirklichkeit der Beginn des endgültigen Bruchs. Die SPD ging nach Godesberg und betrieb den Radikalenerlaß gegen die Kommunisten, die Kommunisten in der SED ergaben sich dem Stalinismus und machten den Sozialdemokraten den Garaus.
Das die PDS heute der SPD in den Arsch kriecht, ist die anrüchige Parodie auf die Vereinigung. Schon die Präambel der Senatskoalition verbreitet einen widerlichen Gestank.

Der 17. Juni

Während für Schiller die unvermeidliche Entscheidung zwischen zwei guten Seiten die größte Tragik ist, liegt die wirkliche Tragik in der Entscheidung zwischen zwei schlechten Seiten. Das offenbart der 17. Juni. Der Aufstand war objektiv zweifelsfrei eine Konterrevolution gegen den Sozialismus. Das herrschende System war aber nicht weniger konterrevolutionär, hätte es sonst den Sozialismus nicht schließlich zum Scheitern gebracht?
Historisch rechtens hätten am 17. Juni beide konterrevolutionären Seiten überwältigt werden müssen. Aber da wäre eine dritte Seite nötig gewesen, als historische Konzeption und als überwältigende Kraft. Aber die gab es nicht. Also mußte man sich für eine der beiden Seiten entscheiden. Und die war der „reale Sozialismus“. Das war statt des Endes mit Schrecken immerhin der Schrecken mit einem späteren Ende. Obwohl die Blödheiten des „realen Sozialismus“ die Ursache der anderen Konterrevolution waren.
Die Entscheidung zwischen zwei schlechten Seiten kommt überdies in der Geschichte öfter vor als die Entscheidung zwischen zwei guten Seiten.

Die Umkehrung wäre die Rettung gewesen

Der „reale Sozialismus“ hat das kapitalistische Verhältnis von Tauschwert und Gebrauchswert, wonach der Tauschwert der Zweck und der Gebrauchswert das Mittel ist, fast unbesehen übernommen. Indiz dafür ist die Wegwerfproduktion. Die Umkehrung des Verhältnisses hätte den Sozialismus gerettet, noch dazu das die ständige öffentliche Diskussion bedeutet hätte, um die sozialistischen Gebrauchswerte zu ermitteln und zu gewollten Werten zu machen. Sozialistische Gebrauchswerte kann man nur ermitteln, wenn man ermittelt, was Sozialismus ist.

Wunsch und Wirklichkeit

Als ich nach dem Einmarsch in die CSSR und dem Ende des „Prager Frühlings“ von einem schockierten Bekannten gefragt wurde, was ich dazu sage, sagte ich, daß der Einmarsch bedeutend früher hätte geschehen müssen. Der Bekannte war noch mehr schockiert. Ich erklärte ihm, daß der Einmarsch vor Dubcek, nämlich zur Zeit seines superdogmatischen Vorgängers Nowotny hätte stattfinden müssen. Da hätte die Welt mit offenem Munde dagestanden. Und die Weltgeschichte wäre in der sozialistischen Ordnung gewesen. Aber solche „Einmärsche“ sind bis heute ein frommer Wunsch.

Arbeit heute und übermorgen

Die Arbeit, wie sie sich heute darstellt, ist eine Zumutung und menschenunwürdig. Und die Angst, diese Arbeit zu verlieren, macht die Sache vollends grotesk. Wenn Marx sagt, daß die Arbeit einmal oberstes Bedürfnis wird, so ist das nicht einmal die halbe Wahrheit.
Frei ist der Mensch erst, wenn ihm die Mittel seiner Existenz , also auch die Arbeit, überhaupt die gesellschaftlichen Bedingungen, zu Spielmitteln geworden sind. Also muß die gesellschaftliche Wirklichkeit zum Zwecke des Spiels mit ihr umgestaltet werden. Das ist die tiefstgehende Revolution aller Revolutionen. Mit der Gesellschaft wird auch eines ihrer wesentlichen Teile, die Arbeit zu einem Mittel des Spiels.
Der natürliche Vorgang, daß mit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität die Arbeitszeit kürzer wird (was gegenwärtig ein unlösbares Problem zu sein scheint), verkürzt die Arbeitszeit in Zukunft auf eine kürzere Zeit, als der Mensch zum Spielen aufgelegt ist, so daß die Masse der Arbeit und ihre Verteilung per Vereinbarung willkürlich festgelegt werden kann. Für die Arbeit gelten jetzt die Regeln des Spiels, so daß auch auf sie das Prinzip: Jeder nach seinen Bedürfnissen, anwendbar wird. Vorläufe finden sich schon unter den Naturvölkern, so wenn Georg Catlin die Büffeljagd der Indianer, ihre Hauptarbeit, als einen wunderbaren Sport beschreibt. Und wenn Eva Lips konstatiert, daß unter den Naturvölkern fast alle Gebrauchsgegenstände zugleich Kunstgegenstände sind und fast alle Kunstgegenstände zugleich Gebrauchsgegenstände.
Und selbst das Spiel mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hat seine Vorläufe, so wenn Fridtjof Nansen die Gerichtsbarkeit der Eskimo als eine Form des Spiels beschreibt.

Unterforderung der Geschichte

Dreitausend Jahre Klassengesellschaft haben den Menschen fürchterlich zugerichtet. Er ist brutalisiert, macht die verbrecherischsten Kriege mit, ist korrumpiert und politisch verblödet. Dem entgegen verlangt der Sozialismus den kultivierten, humanistischen, politisch denkenden Menschen. Diesen schrecklichen Widerspruch von Voraussetzung und Aufgabe hat es in der Geschichte noch nie gegeben, er ist ein ungeheures historisches Dilemma.
Die sozialistische Revolution, die politische Machteroberung ist unter den kümmerlichsten Voraussetzungen möglich, wie dutzendfach bewiesen ist, aber dem folgt der langsame, oft zu langsame Bildungsprozeß, oben und unten. Die Geschichte wird unterfordert, die Diskrepanz zwischen historischer Notwendigkeit und ihrer Erfüllung nimmt zu, die Unterforderung wird zum existentiellen Problem. Die Unterforderung ist so unvermeidlich wie das historische Dilemma und verursacht tendenziell das Scheitern der ersten Sozialismusversuche. Der sozialistische Mensch reift erst in einer Welle von Revolutionen.

Gegenwelt

Die wirkliche Welt ist in ihrer Unmenschlichkeit nur ertragbar und überwindbar, wenn ihr eine komplette, attraktive und effektive Gegenwelt entgegengestellt wird. Diese Gegenwelt kann nicht nur in der Kritik der wirklichen Welt bestehen, sie muß alle wesentlichen Bestandteile einer funktionierenden Welt haben, nämlich 1. die Einheit von Mensch und Natur, wodurch die Menschheit wieder in die unendliche Natur aufgenommen wird; 2. eine menschliche Ökonomie, die überdies produktiver als die kapitalistische Ökonomie ist; 3. eine heitere Politik, was die Politikverdrossenheit in ihr Gegenteil verkehrt; 4. eine revolutionäre Sittlichkeit, die die natürliche Gleichheit des Menschen sichert; 5. eine Kultur, die im Sozialismus Kultur für alle ist, im Kommunismus Kultur von allen; und 6. ist sie die Vorahmung einer positiven Zukunft; einer wirklich heilen Welt. Diese 6 Punkte sind hier nur genannt und nicht beweiskräftig ausgeführt. Das geschieht in „Witz und Wesen der Lebenskunst“ und in der „Neuen Weltofferte“.
Sobald die progressive Menschheit sich diese Gegenwelt angeeignet hat, hat die wirkliche Welt keine Chance mehr.

Wenn der Kapitalismus zum Maß des Sozialismus gemacht wird

Wenn Lenin die Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus mit der höheren Arbeitsproduktivität begründet, macht er mindestens zwei Fehler. Erstens stellt man nicht ein Kind gegen einen Erwachsenen in den Ring. Und wenn das Kind erwachsen und der Erwachsene gestorben ist, steht die Frage nicht mehr. Und zweitens ist die Höhe der Arbeitsproduktivität nicht das Kriterium für den wesentlichen Unterschied der beiden Gesellschaftsordnungen. Die (an sich wichtige) Orientierung auf die Arbeitsproduktivität hat den Sozialismus im Gegenteil nur in das Fahrwasser des Kapitalismus gelenkt.
Wenn der Sozialismus mit einem kapitalistischen Maß gemessen wird, können nur Kuriositäten herauskommen, beispielsweise Lenins Behauptung, daß Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes gleich Kommunismus sei. Die umgekehrte Kuriosität ist die große Initiative, wo Lenin einen Subbotnik als Vorzeichen kommunistischer Arbeitsmoral deutet. Auch wenn Lenin meine „Neue Weltofferte“ noch nicht gelesen haben konnte, darf man ihm solche Unseriositäten nicht nachsehen.

Definition der Materie

Der Materialismus definiert die Materie als das vom Bewußtsein unabhängige Sein. Wenn der bedeutende marxistische Philosoph Georg Klaus das Bewußtsein im Verhältnis zur Materie definieren will, gerät er allerdings in eine peinliche Hilflosigkeit. Das hat seine Ursache darin, daß er, obwohl ausgefuchster Logiker, die elementare Regel der Logik nicht beherrscht, denn die besagt, daß ein Ding zuerst in das Nächstallgemeinere eingeordnet wird (der Esel ist ein Säugetier), um dann mit seiner Differenzialspezifika (mit langen Ohren) konkret erfaßt zu werden. Nun hat die Materie aber kein Allgemeineres, sie ist ja selbst das Allgemeinste. Also muß die Definition entgegengesetzt der allgemeinen Regel ein Spezifikum zu Hilfe nehmen, ohne das die Materie sein kann, beispielsweise muß sie nicht rund oder grün sein. Materie zu definieren als unabhängig von schlechtem Gestank wäre genau so richtig wie unabhängig vom Bewußtsein. Nun ist aber das Bewußtsein ein politischer Streitpunkt, was grün oder rund oder stinkig nicht sind. Es ist aber eine konkrete Eigenschaft der Materie wie rund oder grün oder stinkig.

Der große Logikar Immanuel Kant

Immanuel Kant kennt natürlich die einfache Regel der Logik, daß wenn A größer ist als B und B größer als C, A auch größer ist als C. Oder wenn der Groschen in der Hand und die Hand in der Hosentasche ist, der Groschen auch in der Hosentasche ist. Aber wehe, wenn es um eine Glaubensfrage geht, da ist die elementarste Logik beim Teufel. So ist nach Kant Gott für den Menschen verantwortlich und der Mensch für sein Handeln, aber Gott ist nicht für das Handeln des Menschen verantwortlich. Um Gottes willen.

Der Irrtum mit der Wahrheit

„Die Wahrheit ist immer konkret“ behaupten die ganz Schlauen. Und fallen darauf herein, daß diese Behauptung nicht wahr sein kann, da sie von hochgradiger Abstraktheit ist, wie jede Verallgemeinerung. Wenn ich in schwarzer Schrift schreibe, daß die Wahrheit immer gelb ist, würde der Unsinn eher auffallen, wäre aber nicht verkehrter.

Der Bürger ist so dumm, wie der Kapitalist erlaubt

In Warschau gab es vor Zeiten aus Anlaß der überfüllten Straßenbahnen einen hübschen unlogischen Witz: Wenn weniger Leute mit der Straßenbahn fahren würden, könnten mehr Leute mit der Straßenbahn fahren. Die gleiche „Logik“ hat die Bekanntmachung eines Konzertveranstalters, der verkündete, daß die Karten sehr gefragt seien, weshalb die Interessenten sich mit dem Kauf beeilen sollen. Demzufolge stehen die Leute früher und länger an, was aber auch nicht einen Platz mehr schafft. Ebenfalls die gleiche „Logik“ herrscht in der Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Kapitalisten und ihre Regierungen behaupten, die Produktionskosten senken zu müssen, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Und da jedes Land das gleiche tut, sind alle wieder wie vorher dran. Nichts ist gewonnen. Nur die Bevölkerung hat verloren, an Reallohn. Oder hat doch wer gewonnen?

Die Verabsolutierung der Macht

Die Macht des Sozialismus wurde in die Macht über den Sozialismus verkehrt. Das war die Sünde aller Sünden. Damit verkehrte sich die Diktatur des Proletariats in die Diktatur über das Proletariat. Die Diktatur im Sinne von Marx haben wir also bis heute nicht erlebt, aber wer nicht alles weiß hanebüchenen Unsinn über sie zu verbreiten.

Mücke gegen Marx

Bei Marx ist die Ökonomie Hebel der gesellschaftlichen Bewegung, speziell der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Damit hatte Marx zum ersten Mal einen materiellen Zwang in die Geschichte eingeführt.
Dagegen setze ich einen anderen materiellen Zwang, statt des gesellschaftlichen einen natürlichen. Der dürftigste Grashalm überlebt nur, wenn er in Einheit mit seiner natürlichen Umwelt steht; das Tier, ob Mücke oder Elefant, überlebt nur, wenn es im Einklang mit seiner Umwelt steht. Wie kann der Mensch überleben, wenn er in Widerspruch zu seiner Umwelt, zur Natur steht? Dieser Widerspruch, verursacht durch überholte Produktionsverhältnisse, treibt ihn, wenn er nicht untergehen will, die Einheit von Mensch und Natur zu erneuern, sie auf höherer Stufe herzustellen.
Es ist an der Zeit, sich darauf zu besinnen, daß wir Kinder der Natur sind, wenn gegenwärtig auch sehr unfolgsame.

Keine Blumen für Egon

Egon Krenz ist von dem verkehrten Gericht für das verkehrte Delikt verurteilt worden, nämlich von einem bürgerlichen Gericht wegen seiner Mitschuld an den Grenztoten. Daß er von einer „altgläubigen“ Genossin mit Blumen geehrt wurde, ist das Kreuz der „Altgläubigen“.
Das weitaus gewichtigere Delikt als seine Mitschuld an den Mauertoten ist seine Mitschuld an der Tötung einer ganzen Gesellschaftsordnung. Das ist ein anderes Delikt, und das gehört vor ein anderes Gericht.
Rechtens hätten Krenz und Genossen das Bundesverdienstkreuz kriegen müssen, denn sie haben mehr als die bürgerlichen Politiker zum Scheitern des Sozialismus beigetragen.

Bumerang

Den Kommunismus, den die Antikommunisten bekämpfen, den bekämpfen auch die Kommunisten. Der Unterschied besteht darin, daß die Kommunisten die Erfindung ihrer Gegner bekämpfen, die Antikommunisten ihre eigene.

Die Ursache der Ursache

Gorbatschow, heißt es, ist die Ursache allen Übels. Und was ist Stalin? Er hat die Sowjetunion kopflos gemacht, indem er die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Kultur ent­hauptete und die Partei demoralisierte. Gorbatschow war da nur die logische Folge.
Stalin wäre nicht die Rettung vor ihm gewesen, er war die Ursache von ihm.
Und da begeht der witzige Peter Hacks die Unwitzigkeit und schwört auf Stalin.
Irre an die Macht! Da sind sie ja schon

Die Nazis hat man in der Bundesrepublik ungestraft laufen lassen. Das war ein Fehler, sagt man jetzt, und den will man nicht noch einmal machen, deshalb werden die Sozialisten bestraft. Abgesehen von der Ungeheuerlichkeit, die Nazis und ihre konsequentesten Gegner, die Sozialisten, einander gleichzusetzen, werden die Nazis noch immer mit Ämtern, Pensionen, Kasernennamen und auf andere Weise geehrt, sogar als Ehrenmitglieder der CDU.
Wenn man den Fehler nicht noch einmal machen will, warum macht man ihn dann immer noch?
Das ist die Logik von Irrenhäuslern. Nur sitzen die nicht unter Aufsicht von Ärzten in Kliniken, sondern an den Hebeln der Macht.

Wider die Wolfgang-Harich-Legende

Wolfgang Harich war gewiß kein großer Denker. Das für sein wichtigstes gehaltene Buch „Kommunismus ohne Wachstum“ ist, gelinde gesagt, gequirlter Unsinn. Da ist er voll auf die Mode des Nullwachstums hereingefallen. Auch seine politischen Aktivitäten waren, mit wenigen Ausnahmen, im Grunde kindisch. Der Überschätzung Harichs als Denker steht seine wirkliche Leistung als Angeber gegenüber. Und die wird unterschätzt, wenn nicht gar als kritikwürdig angesehen. Dabei waren Harichs Fähigkeiten, die er durchaus hatte, besonders geeignet, seinem Geltungsbedürfnis zu dienen. Dieses Geltungsbedürfnis, um nicht zu sagen diese Geltungssucht, war seine Hauptmotivation und machte ihn zu einer interessanten, ja oft faszinierenden Persönlichkeit.
Als Angeber war Harich ein Genie. Im Sozialismus eine wertvolle Rarität. Als Angeber, als Stenz steht er, wenn auch auf seine Art, mit Gustaf Gründgens auf einer Stufe.

Des Kaisers neue Kleider in Kunst und Literatur

Im gleichnamigen Essay stelle ich ausgewählte Produkte berühmter Künstler auf den Kopf: Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh …“ hat mehr Fehler als Zeilen, Schinkel entlarve ich als Säulenheiligen, Peter Hacks, Christa Wolf und Rudolf Bahro werden als Produzenten von peinlichem Stuß überführt. Und Umberto Ecos „Der Name der Rose“ wird als kolossale Mißgeburt gebranntmarkt, die von sprachlichen und inhaltlichen Unmöglichkeiten nur so wimmelt, weshalb es ein großes Rätsel ist, wie diese Schande von Literatur ein Weltbestseller werden konnte. (Siehe „Witz und Wesen der Lebenskunst“)

Belehren oder unterhalten

Gewöhnlich besteht die progressive Seite auf der Belehrung, während die konservative Seite mehr für die Unterhaltung ist. Und die Oberschlauen plädieren für beider Verbindung. Erstaunlich ist, daß die Commedia dell’arte, die progressivste Kunst des 16. Jahrhunderts, unmißverständlich dem Vergnügen den Vorzug gab. Ebenso gebe ich dem Vergnügen unmißverständlich den Vorzug. Wo die Belehrung, die Unterrichtung, die Bildung, der Ernst nicht vollkommen in Vergnügen aufgehoben ist, ist die Kunst nicht vollkommen.
Man kann das hebende, das gehobene Vergnügen doch nicht nur deshalb ablehnen, weil es die schwierigste Kunst ist.

B. Gegenwelt - ein Überlebensmittel

Gegenwelt ist ein diffuser Begriff; wenn er überhaupt etwas begreift, dingfest macht, definiert. Daß wir ohne Gegenwelt hilflose, schutzlose, kümmerliche Existenzen sind, dessen sind wir uns schon gar nicht bewusst.
Vorausbemerkt sei, dass die Errichtung der Gegenwelt die konsequenteste Kritik der wirklichen Welt voraussetzt. Erst wenn ich mit dieser Welt der Wirklichkeit, mit der wirklichen Welt ein und für alle mal fertig bin, kann ich die Gegenwelt errichten. Und umgekehrt kann ich mit der wirklichen Welt nur fertig werden, fertig sein, wenn ich die Gegenwelt besitze. Sie reduziert sich nicht auf die Kritik der Wirklichkeit, sondern ist der vollkommene Gegensatz, der positive Gegensatz. Im folgenden eine kurze Charakterisierung ihrer wesentlichen Elemente.

I. Der Naturzerstörung steht die Einheit von Mensch und Natur gegenüber. Dieser Einheit liegt ein Gesetz zugrunde, gegen das man nicht endlos verstoßen kann. Dieses Gesetz wurde von manchem gesucht, so auch von Karl Kautsky Ende des 19. Jahrhunderts und ein zweites Mal in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Beide mal ist er erfolglos gewesen. Hier die Kurzfassung dieses Gesetzes. (Seine ausführliche Darstellung ist in „Rotfeder“ zu finden.)

Die Anpassung ist nicht nur eine biologische Notwendigkeit oder eine moralische Sauerei, vor allem ist sie das Gesetz der Einheit von Mensch und Natur. Umd das darwinsche Gesetz der Anpassung dahin zu bringen, bedurfte es allerdings zweier grundsätzlich neuer Erkenntnisse. Die erste ist, dass der Mensch sich der Natur anpasst, indem er die Natur sich anpasst. Wenn der Zugvogel vor der Kälte nach dem Süden flieht, zieht der Mensch den Mantel über oder heizt die Wohnung ein. Darin besteht, im Unterschied zum Tier, die Freiheit des Menschen gegenüber der Natur. Aber auch die Gefahr ihrer Vernichtung. Die zweite Erkenntnis besteht darin, dass die gesellschaftliche Organisation des Menschen Organ der Anpassung ist. Das ist die wichtigste Erkenntnis des Wesens der Gesellschaft, zu der Marx sich nicht bequemen konnte. Wie die Bienen oder Termiten oder Affen durch Arbeitsteilung und soziale Organisation sich befähigen, erfolgreich zu existieren, so existiert auch der Mensch im Einklang mit der Natur nur durch seine gesellschaftliche Organisation, was attraktiv wird, wenn die gesellschaftliche Organisation ihren tiefsten Sinn in sein Gegenteil verkehrt.
Die von Marx entdeckten „Naturgesetze der Gesellschaft“ sind Gesetze der gesellschaftlichen Organisation, folglich nur Funktionen eines Gesetzes der Natur.
Das durch die zwei genannten Erkenntnisse erweiterte und vertiefte Gesetz der Anpassung, das Gesetz der Einheit von Mensch und Natur ist das einzige auch für den Menschen geltende Naturgesetz.

II. Der Verschleißökonomie des Kapitalismus, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen steht eine menschliche Ökonomie gegenüber, die unglaublicherweise produktiver als die kapitalistische Ökonomie ist. Die höhere Effizienz der menschlichen Ökonomie beruht auf folgenden Faktoren:

1. Die künstlichen Mängel im „realen Sozialismus“ waren nicht der Planwirtschaft sondern im Gegenteil mangelnder Planung geschuldet, sowohl die Mängel in der Warenversorgung, in der Materialbereitstellung, in der Zulieferung wie auch der Arbeitskräftemangel und dergleichen. Ein gerechter Leistungslohn war in dessen Folge nicht möglich. Das Ergebnis war die Lähmung der Triebkräfte des Sozialismus.
Quintessenz: Die für den „realen Sozialismus“ charakteristische Mangelwirtschaft ist absolut vermeidbar, wenn die Planung konsequent durchgeführt wird, was allerdings wirkliche sozialistische Politik voraussetzt. Auch eine arme Familie kann ihre Verhältnisse in Ordnung haben.

2. Der Mangel an sozialistischer Ökonomie bestand darin, dass die kapitalistische Dominante des Tauschwertes gegenüber dem Gebrauchswert übernommen, der Gebrauchswert nicht zum Zweck und der Tauschwert nicht zum Mittel gemacht wurde.
Wobei der Gebrauchswert nicht nur auf die Konsumtionsmittel, sondern auch auf den Gebrauchswert der Produktion, der Produktionsweise bezogen ist. Und dieser Gebrauchswert ist nur durch die sozialistische Demokratie zu ermitteln und zu realisieren. Die Qualität der Bedürfnisse, ihre Eigenschaft als sozialistische Triebkraft der Produktion bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Konzeption und der ständigen öffentlichen Diskussion, um die spezifisch sozialistischen Bedürfnisse in Form von Wertvorstellungen zu allgemein anerkannten und allgemein effektiven zu machen. Die spezifisch sozialistischen Bedürfnisse müssen als produktive Kraft ebenso organisiert werden wie die Arbeit selber. Die dialektisch bestimmende, zwecksetzende Rolle des Gebrauchswertes ist das Kriterium des Sozialismus als qualitativ höhere Gesellschaftsordnung nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf menschlicher Ebene. Was sich rückwirkend auch als ökonomisches Stimulans auszahlt. Quintessenz: Die totale Umkehrung des kapitalistischen Verhältnisses von Tauschwert und Gebrauchswert erhöht nicht nur die ökonomische Effizienz gegenüber dem Kapitalismus, indem sie den Gebrauchswert zum Gegenstand der öffentlichen demokratischen Diskussion erhebt. Es schafft auch eine neue Verbindung von Ökonomie und Politik denn sozialistische Gebrauchswerte kann man nur ermitteln, wenn man ermittelt, was Sozialismus ist.

3. Die Behebung des Widerspruchs zwischen den Produktivkräften und den bürgerlichen Produktionsverhältnissen befreit im Sozialismus nicht vor allem die Produktivkräfte (das war ein Grundirrtum von Marx und Lenin), sondern die Bedürfnisse. Es ist unmöglich, weil undialektisch, das Verhältnis PK-PV ohne Bezug auf Produktion-Bedürfnis, das tiefere, lebendigere, existentiellere Verhältnis zu sehen. Die Frage ist stets, fördert PK-PV die Beziehung Produktion-Bedürfnis, oer: ermöglichen die neuen PV ein neues Bedürfnis, das die Produktion besser als das alte Bedürfnis voranbringt. PV sind also Mittel zum Zwek des Verhältnisses Produktion-Bedürfnis.
Die in Punkt 2 genannten Bedürfnisse und die hier genannten sind in vielem identisch. Der Unterschied besteht darin, dass die in Punkt 2 genannten eine funktionale Größe sind. Sie dienen, dem gegebenen Stand der Dinge entsprechend, den Gebrauchswerten als Maßgabe, wie in der öffentlichen Diskussion ermittelt. Die in Punkt 3 genannten Bedürfnisse hingegen sind eine offene Größe. Sie können auch spontane, utopische, absonderliche, illusorische, Bedürfnisse von Minderheiten sein. Jedenfalls sind sie das anarchische, chaotische, also das wesentlich ungebundene Element, der Lebensquell.
Quintessenz: Der Widerspruch von Produktion und Bedürfnis ist das existentielle Verhältnis der menschlichen Entwicklung. Indem beide Seiten sich wechselseitig voraus sind provozieren sie sich auch gegenseitig. Nachdem dieses Verhältnis in der Klassengesellschaft zunehmend deformiert wurde, erfährt es im Sozialismus seine bisher höchste Effektivität.

4. Wegwerfgesellschaft zu sein, ist zum wesentlichen Kriterium des modernen Kapitalismus geworden. Die Verluste dieser Wirtschaftsweise sind enorm, und sie gehen außer auf Kosten der Natur auch direkt auf Kosten der Gesellschaft. Wenn beispielsweise ein Artikel auf ein Drittel seiner normalen Lebenszeit reduziert wurde, muß er dreimal statt einmal produziert werden, und ich muß ihn dreimal kaufen und auch seine Entsorgung dreimal bezahlen. Ebenso muß ich die Einwegverpackung einmal beim Kauf bezahlen und (als Steuerzahler) einmal bei der Entsorgung. Und das dreimal, wenn es sich um ein Produkt handelt, das künstlich auf ein Drittel seiner natürlichen Lebensdauer reduziert wurde. Und darin, Produkte künstlich um ein längeres Leben zu bringen, ist der Kapitalismus Meister. Wenn wir die Kosten der Überproduktion (zum Beispiel Lagerung der Butterberge), des immer irrsinniger werdenden Werbekrieges, der Wirtschaftskriminalität etc. hinzurechnen, fressen allein diese Verluste mehr als fünfzig Prozent des wirtschaftlichen Leistungsvermögens auf.
In der Zerstörung der Außenwelt und der Innenwelt stellt sich der Kapitalismus als ungeheure Wegwerfgesellschaft dar. Wie konnte der Sozialismus gegen diese Gesellschaft unterliegen? Weil er als „realer Sozialismus“ die historische Initiative abgab und die Wegwerfgesellschaft nachäffte, noch dazu auf einem entscheidend niedrigeren Produktionsniveau. Unter den Blinden ist der Einäugige König. Oder auch: Bankraub ist effizienter als Hühnerdiebstahl. Ist er deshalb auch ehrbarer? In seiner Existenznot besinnungslos geworden, übertraf der „reale Sozialismus“ den Kapitalismus sogar in manchen seiner Verbrechen, zum Beispiel in bestimmten Bereichen der Umweltvergiftung.
Der Vorzug des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus liegt nicht in der höheren Arbeitsproduktivität, sondern in ihrer sinnvollen Verwertung. Wenn nicht mehr das Überleben einer Gesellschafts-ordnung, sondern das Überleben der Menschheit der höchste Zwang ist, wird der natürliche Vorgang, die Arbeitsproduktivität voll in reale (sinnvolle Bedürfnisse dienende und der Umwelt angepasste) Gebrauchswerte umzusetzen, wiederhergestellt, nachdem er durch die Klassengesellschaft zunehmend verkehrt worden war. Wenn aber der Sozialismus, statt Wegwerfartikel zu erzeugen, die Arbeitsproduktivität vernünftig verwertet, kann er selbst bei niedrigerer Arbeitsproduktivität einen höheren gesellschaftlichen und individuellen Reichtum erzeugen als der Kapitalismus. Und wenn das Gesetz des Sozialismus nicht mehr ihm wesensfremden Bedingungen unterworfen ist, wenn er nicht mehr fetischisierter Zweck, sondern lebendiges Mittel zum Zwecke des Menschen ist, wird er nicht nur sittlich, sondern auch ökonomisch von uneingeschränkter Kreativität sein. Er wird nicht nur ein Sozialismus sein, der Spaß macht, sondern ein Spaß, der Sozialismus macht.
Quintessenz: Die sinnvolle Verwertung der Arbeitsproduktivität verwandelt nicht nur die kapitalistische Verschleißgesellschaft in ihr Gegenteil, sie verleiht der Ökonomie auch eine kulturelle Dimension.

5. Die soziologische Transfermation (ST) ist der Biontik vergleichbar, nur überträgt sie nicht aus der Natur in die Technik, sondern aus allen gesellschaftlichen Bereichen in alle gesellschaftliche Bereiche. Beispielsweise aus dem Sport ins Theater, aus der Gemüseküche in den Fabriksaal (indem die menschliche Sitzordnung der Gemüseputzerinnen anstelle der unmenschlichen Sitzordnung der Elektronikmonteurinnen genommen wurde), aus der Pädagogik in die Politik, aus der Autofertigung in die Textilindustrie, aus der Zirkusdramaturgie in den Schulunterricht.
Die menschliche Gesellschaft bringt unendlich viele Strukturen, Prozesse, Abläufe, Formen hervor, die nur für sich selbst und nicht zur Weiternutzung durch Dritte gedacht und gemacht sind. Und sie werden auch nicht von Dritten estimiert oder verlangt. Dieser ungeheure Reichtum der gesellschaftlichen Kreativität, der pure Gegensatz der kapitalistischen Verschleiß, Wegwerf- und Parallelproduktion und Konkurrenz, setzt für seine Nutzung eine Transfermationsbörse voraus, wo die übertragungswürdigen Formen gesammelt, der Weiterverwertung zugerichtet und angeboten werden. Das ist selbstverständlich nur bei sozialistischem Eigentum an den Produktionsmitteln und mit sozialistischer Politik möglich. Dann allerdings erhöht die ST die ökonomische und gesellschaftliche Produktivität um ein Vielfaches.
Quintessenz: Die soziologische Transfermatik setzt gesellschaftliche Phantasie voraus und hat gesellschaftliche Phantasie zur Folge. Sie hebt die Vergesellschaftung des Menschen auf eine höhere Stufe.

6. Mit den Punkten 1 bis 5 ist die Produktivität des wirklichen Sozialismus charakterisiert. Die Effizienz des Kommunismus bleibt noch völlig unberücksichtigt.

III. Die bürgerliche Politik ist verlogen, verdummend, verbrecherisch. Das ist sie nicht aus freien Stücken, sondern infolge eines gesetzmäßigen Zwanges.
Heiterkeit ist das schönste Zeugnis von Menschlichkeit. Sie herrschte einst von den Eskimo bis zu den Pygmäen, von den Itelmenen auf Kamtschatka bis zu den Polynesiern, von den Indianern Nordamerikas bis zu denen Südamerikas. Sie war, wie Robert Stevenson feststellt, Ausdruck ihrer Glückseligkeit, ihres Lebenssinns. Heiterkeit war, wie Eva Lips beobachtet hat, die allgemeine Grundstimmung der Naturvölker.
Mit der Klassengesellschaft beginnt die Phase der Verernstung, was eine Verkümmerung des menschlichen Wesens bedeutet, und die Heiterkeit wird zu Grundsehnsucht.
Der Ernst ist die Wesensart des mit sich uneins gewordenen Menschen, des in zwei Hälften, in Klassen gespaltenen Menschen. War die Heiterkeit bei den Naturvölkern, in der Urgesellschaft Grundstimmung, so ist sie jetzt zur Grundsehnsucht geworden. Der Ernst befiehlt, der Ernst dient dem Befehlenden. Heiterkeit löst, Ernst bannt. Heiterkeit macht frei, Ernst macht unfrei. Die Verernstung ist der natürliche Prozeß der Abtötung der Heiterkeit. Er dient der Unterwerfung, der Demut, der blöden Bescheidenheit. Das Schlimme an der Verernstung ist, daß wir ihr unbewußt unterliegen, folglich uns nicht gegen sie wehren und den Schaden, den sie anrichtet, nicht bewerten können.
Die Heiterkeit kann als karnevalistische Ersatzhandlung oder als Abendveranstaltung im Kabarett ihre entmannte Existenz am Katzentisch fristen.
Mit der Wiedererrichtung der klassenslosen Gesellschaft auf höherer Stufe wird die Heiterkeit zur Grundhaltung, zur Philosophie des Lebens, wodurch sich der Mensch als Einzelwesen im Gattungswesen aufgehoben findet. Die Heiterkeit wird zur Religion der Atheisten, allerdings einer sehr unfrommen Religion.
Wenn diese Heiterkeit zur Basis der Politik wird, wird die Politik zu einer Quelle der Lebenslust.

IV. Während der Kapitalismus nur die Wolfsmoral kennt, im besten Falle die Ellenbogenmoral, hat die Gegenwelt eine absolute Sittlichkeit. Das Wesen aller wirklichen Sittlichkeit ist die Verläßlichkeit.
Erst wenn jeder Mensch sich auf jeden Menschen in allen Fällen und unter allen Umständen verlassen kann, ist diese Welt in Ordnung. Das setzt das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln voraus. Mit diesem Eigentum geht es nicht schnurstracks, aber ohne es geht es nicht. Das beweist die für unsere Vorstellungen unglaubliche Hilfsbereitschaft der Naturvölker, von den Eskimo bis zu den Südseeinsulanern, als sie von unserer Zivilisation noch unberührt waren.
Ein Obdachloser und ein Multimillionär können sich nicht aufeinander verlassen, sonst gäbe es keine Obdachlosen mehr.
Auf der Verläßlichkeit beruhen alle anderen positiven Eigenschaften, vom Halten von Versprechen bis zur Offenheit und Ehrlichkeit. Verläßlichkeit ist die schönste Eigenschaft des Menschen.

V. Die Kultur im Kapitalismus ist, gelinde gesagt, schizophren. Progressiven Bewegungen steht eine angepasste, brutalisierende Kultur gegenüber.
Kultur der Gegenwelt ist zum einen der Beziehungsreichtum des Menschen. Die Kultur in der Beziehung zwischen den Menschen ist das Herzstück aller Kultur, und das Kriterium aller anderen Kultur (beispielsweise auch der Beziehung zwischen Bühne und Publikum). Voraussetzung ist allerdings, dass die Menschheit nicht mit sich uneins, halbiert, in Klassen gespalten ist. Kultur ist zum anderen sammeln, aufbewahren, pflegen, nutzen, verbessern, weitergeben, Wenn ich vor einem Apfelbaum stehe, den Dutzende von Generationen gezüchtet und gepflegt habe, dass er heute süße Früchte trägt, dann stehe ich vor einem wunderbaren Beispiel von Kultur.
Kultur im Sozialismus ist Kultur für alle, Kultur im Kommunismus ist Kultur von allen.

VI. Der Architekt hat, wie Marx im „Kapital“ schreibt, der Biene voraus, daß er das Haus, bevor er es baut, im Kopf hat. Das Haus aber, in dem die Menschheit einmal wohnen soll, hat kein Mensch im Kopf. Da unterscheiden wir uns nicht von der Biene. Um dieser Peinlichkeit abzuhelfen, habe ich die 5 großen historischen Projektionen entworfen. (Siehe die „Neue Weltofferte“)
Wenn der Mensch nicht weiß, woher er kommt, weiß er nicht, wohin er geht. Diese Weisheit ist so dumm wie alt. Umgekehrt ist es richtig: Wenn der Mensch nicht weiß, wohin er geht, weiß er nicht, woher er kommt. Die 5 historischen Projektionen sind ihm Kriterium seines bisherigen Weges, des bisherigen Weges der Menschheit. Solange ihm dieses Kriterium fehlt, redet jeder über den bisherigen Weg nur Unsinn, und jeder einen anderen.
Die Verknüpfung der historischen Vorahmung mit der kultivierten sozialen Vererbung (siehe dort) ist die höchste Form des menschenmöglichen Denkens.
Resümee der 6 Unterschiede der Gegenwelt zur wirklichen Welt: Die Gegenwelt ist 1. natürlicher, 2. ökonomischer, 3. heiterer, 4. sittlicher, 5. kulturvoller und 6 wird der Mensch nicht mehr von einer immer miserableren Wirklichkeit missgebildet. Umgekehrt formt er die Wirklichkeit nach seinem Bilde.
Mit einem Wort: Die Gegenwelt ist menschenwirklicher als die Wirklichkeit. Wie sollte sie da nicht endlich das Rennen machen?

Um uns der Gegenwelt zu versichern, sie greifbar, dingfest zu machen, will ich sie noch auf eine andere Art darstellen, nämlich in Gestalt einer Ellipse. Nicht einer Kugel, was bei einer Welt wohl naheliegender wäre. Die Kugel ist ästhetisch ohne Makel, aber andrerseits ist sie absolut opportunistisch. Wohin sich die Unterlage neigt, dahin rollt auch die Kugel. Die Kugel ist ein ästhetisches Absolutum, politisch aber ist sie eine Sauerei. Das hat auch noch keiner gewusst. Da bleibe ich lieber bei der Ellipse. Sie ist eine dialektische Figur. Sie hat zwei Brennpunkte, die sich gegenseitig bedingen und erregen. Der eine Brennpunkt oder Pol oder Angelpunkt ist das Prinzip Gleichheit, der andere die unbotmäßige Heiterkeit.
Als erstes zur Gleichheit, wie ich sie in der „Neuen Weltofferte“ darstelle: Die Gleichheit ist das notwendigste und das edelste Prinzip. Ihm gebührt der höchste Rang. Ihre Voraussetzungen und ihre Folgen enthalten alle Probleme dieser Welt. Die Sozialisten sind, statt auf der Gleichheit zu besteht, auf die Freiheit hereingefallen.
Vor Gott sind alle gleich. Und vor dem Eigentum? Es ist mächtiger als Gott. Aber es ist abschaffbar. Und dann sind auch auf Erden alle gleich. Ohne das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln ist die Gleichheit eine Phrase und ohne Gleichheit ist alles andere Phrase. Das Prinzip Gleichheit ist das edelste Prinzip, aber auch das anspruchsvollste. Es ist das voraussetzungsreichste und das folgenreichste Prinzip. Und es ist das inhaltsreichste Prinzip: es enthält alle Dimensionen des Humanismus, des Pazifismus, der Kultur, der Sittlichkeit bis zu den ökonomischen Bedingungen der Menschlichkeit.
Aller Wert und alle Bewertung dieser Welt beruhen auf dem Vergleich. Und aller Vergleich beruht auf der Gleichheit. Sie ist die Voraussetzung. Wenn die Teilnehmer eines Hundertmetersprints nicht die gleichen Voraussetzungen haben, sondern einer einen schweren Sack tragen muß, ein anderer nur eine Tüte Pflaumen, wieder ein anderer mit fliegendem Start loslaufen darf und die übrigen aus dem Stand starten müssen, wenn einige frei durchlaufen können, während anderen ein Bein gestellt wird, so ist das absoluter Blödsinn. Die wirkliche Fähigkeit der Sportler kann sich nicht erweisen. Aber genau so ist das wirkliche Leben. Es ist absoluter Blödsinn. Gleichheit der Voraussetzungen, im Sport die selbstverständlichste Regel, ist im gesellschaftlichen Leben das Unselbstverständlichste. Ohne die Gleichheit sind die wirklichen individuellen Unterschiede nicht zu bewerten und nicht realisierbar. Gleichheit in diesem Sinne ist mithin das gerade Gegenteil von Gleichmacherei. Gleichheit ist vielmehr Bedingung der Ungleichheit.
Das Prinzip Gleichheit setzt sich aus drei Teilen zusammen. Erstens: Der Mensch ist für die Anlagen, die geistigen sowohl wie die körperlichen, nicht verantwortlich, denn er hat sie nicht geschaffen, ebenso wenig die Verhältnisse, unter denen er seine Anlagen bildet. Folglich ist er für sich nicht verantwortlich, ebenso wenig für sein Tun und Lassen. Und auch das, was er aus sich macht, kann er nur mit dem machen, was er nicht gemacht hat. Da bleibt kein Schlupfloch. Die Selbstverantwortlichkeit des Menschen ist ein epochaler Irrtum. Die Naturvölker haben ihn nicht gekannt. Die Klassengesellschaft hat ihn gebraucht und deshalb kultiviert. Die eigentliche Geschichte schließt ihn aus allen Gründen aus. Zweitens: Sobald das kommunistische Verteilungsprinzip „Jeder nach seinen Bedürfnissen“ gilt, die individuell unterschiedlichen Leistungen folglich nicht mehr bewertet werden, wird auch ihre moralische Bewertung, die Verantwortlichkeit für sie, hinfällig. Sie hat nicht nur keinen Sinn mehr, sie wird widersinnig, weil sie wider das Prinzip der Verteilung nach den Bedürfnissen wirken würde. Wer mehr leistet als ein anderer und sich darauf etwas zugute hält, wird schwerlich damit einverstanden sein, dass der andere das gleiche oder sogar mehr nehmen darf als er. Das Verteilungsprinzip des Kommunismus kann nur funktionieren, wenn keiner individuelle Fähigkeiten und Leistungen für ein persönliches Verdienst hält. Damit ist die Moral der Selbstverantwortlichkeit für immer aufgehoben.
Woher kommt da aber die Leistung, die Produktivität? Ein kleines Beispiel gibt uns schon Louis Sarno in „Der Gesang des Waldes“ von den Pygmäen: „Sie waren die menschlichsten aller menschlichen Wesen und zeigten, wie in Abwesenheit aller Zwänge der modernen Zivilisation jedes Individuum das Potential, das in ihm steckte, voll verwirklichen konnte.“
Jeder nach seinen Bedürfnissen ist die letzte Konsequenz des Prinzips Gleichheit. Und damit die letzte Konsequenz gegen alle Gleichmacherei. Vergleiche die Krankenkasse. Da wird doch auch nach den Bedürfnissen verteilt und nicht nach den Leistungen.
Drittens: Wer die irrige Vorstellung, ein Verdienst daran zu haben, dass er so ist, wie er ist, fahren lässt, der lässt auch allen Hochmut fahren, allen Stolz, alle Überheblichkeit und alle Verachtung. An ihre Stelle treten Verständnis und selbstverständliche Hilfsbereitschaft. Die Aufhebung der Moral der Selbstverantwortlichkeit hebt also nicht die gegenseitige Beeinflussung auf. Ich schiebe doch einen Stein, der mir im Wege liegt, nicht deshalb nicht beiseite, weil ich weiß, dass er nichts dafür kann, dass er mir im Wege liegt. Wer dem anderen nicht die Schuld daran gibt, dass er so ist, wie er ist, hat keinen moralischen Vorbehalt mehr, die Schwächen des anderen durch die eigenen Stärken auszugleichen. Wie umgekehrt keiner seine Schwächen verheimlicht und ihren Ausgleich behindert, sobald er vom Irrglauben, ein sündiges Wesen zu sein, befreit ist. Von Wichtigkeit ist schließlich, dass Gleichheit Verlässlichkeit zur Folge hat. So wenig ein Millionär und ein Obdachloser sich aus Grund aufeinander verlassen können, so sehr können sie sich aufeinander verlassen, wenn der Grund, nämlich die Ungleichheit, wegfällt.
Indem die Ungleichheit nicht mehr bewertet wird, wird sie erst möglich. Der Kommunismus ist nur die letzte Konsequenz des Prinzips Gleichheit. Und somit die letzte Konsequenz gegen alle Gleichmacherei. Kommunismus ist die Gleichheit der Ungleichen. Und umgekehrt.
Die Erde, der Grund und Boden, sollte durch ein absolutes Tabu gleich einem Heiligtum vor aller privaten Aneignung geschützt werden. Nur dann kann sie jedem einzelnen Schutz und Geborgenheit bieten. Gemeineigentum, was in letzter Konsequenz Nichteigentum heißt, an Grund und Boden ist eine elementare Bedingung der Gleichheit. Das Prinzip Gleichheit drängt auf seine Voraussetzung. Es ist der mächtigste sittliche Hebel zur Überwindung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Und es hat die Realisierung aller humanistischen Ideale zur Folge. Das Prinzip Gleichheit ist das absolute Kriterium des marxistischen Humanismus. Der kindische Dilletantismus der bisherigen „marxistischen“ Ethik muß durch eine vom Kommunismus ausgehende Ethik ersetzt werden. Die Gleichheit der Menschen ist ihr kostbarstes Gut. Sie ist das höchste Gebot des Humanismus. Sie ist die Voraussetzung von aller Freiheit und Individualität. Ohne Gleichheit gibt es keine Gerechtigkeit, keine Brüderlichkeit, keine reelle Demokratie. Sie schließt in ihren Voraussetzungen und in ihren Folgen das ein, was Kommunismus heißt.
Mein oberstes sittliches Ideal ist die Verläßlichkeit. Nichts ist wichtiger und wunderbarer, als dass sich jeder auf jeden in allen Dingen des Lebens verlassen kann. In jeder Weltgegend und unter allen Umständen. Dann erst ist der Mensch niemals allein und hilflos. Und er kann völlig unbedenklich sein, denn er kann sich darauf verlassen, dass keiner ihm aus seiner Offenheit einen Nachteil machen wird. Die Verläßlichkeit ist der höchste und schönste Wert unseres Lebens. Und sie schließt Hilfsbereitschaft, Gastrecht, das Halten von Versprechen, Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit und vieles andere ein. Aber sie ist als allgemeine Verlässlichkeit nur auf dem Prinzip Gleichheit verwirklichbar.
Als Gegenpol zur Gleichheit haben wir die unbotmäßige Heiterkeit. Die unbotmäßige Heiterkeit ist nicht die systemimmanente, sondern die systemsprengende Heiterkeit. Die systemimmanente ist die Heiterkeit von Aristophanes bis Wolfgang Neuss, von Dieter Hildebrandt bis zur Distel. Die systemsprengende Heiterkeit ist die Kritik von außen, von außerhalb der wirklichen Welt. Von der Position der Gegenwelt. Pionier dieser systemsprengenden Heiterkeit war Bertold Brecht. Wenn auch nicht mit der letzten Konsequenz, da er in letzter Konsequenz nicht im Besitz der Gegenwelt war. Mindestens denselben Rang hat Dario Fo inne. Selbstredend muß die systemsprengende Heiterkeit nicht immer in der verbalen Form erscheinen. Sie ist vor allem Haltung. Und speziell auf dem Theater wird sie als Spielweise wirksam, als dialektische Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit, oder anders gesagt als Technik der Heiteren Verstellung. (Siehe „Das System Heiterkeit“.)
Wenn ich die wirkliche Gegenwelt besitze, bin ich mit der Welt der Wirklichkeit ein und für allemal fertig. Da kann diese Welt nur noch als Parodie genommen werden. Weltparodie, das ist die letzte und authentische Form, in der wir von dieser Welt Abschied nehmen.

Auch wenn ich der einzige bin, der im Besitz der Gegenwelt ist, so bin ich doch nicht der erste. Der erste Besitzer einer Gegenwelt war die Commedia dell‘arte, das italienische Volkstheater des 16. Jahrhunderts. Seine Hymne lautete: „Wir wollen sein nicht Herr noch Knecht.“ Das unmissverständliche Bekenntnis zum Prinzip Gleichheit. Und die unbotmäßige Heiterkeit hatte in der Commedia ihre schönste Blüte. Ein äußeres Zeichen war ein Gastspiel in Dresden, wo nach 10 Minuten kein Zuschauer mehr zu sehen war. Sie lagen alle vor Lachen unter den Bänken. Obwohl sie kein Wort verstanden hatten. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mit einer literarisch-musikalischen Revue im Theater Halle, wo die Vorstellung nach 10 Minuten explodierte, indem das Publikum in einen kollektiven Lachkrampf ausbrach.
Die Commedia dell‘arte hatte die beiden Brennpunkte, die Angelpunkte, mit denen sie die Gegenwelt an der Angel hatte. Sie war, was sie zu ihrer Zeit nicht anders sein konnte, eine Utopie. Aber sie war die schönste Utopie, denn sie war die lustigste, und sie war die ernsthafteste. Denn sie beging nicht den blöden Fehler aller anderen Utopien, die bessere Zukunft in eine starre, ahistorische Ordnung zu bannen. Ihr war alle Ordnung suspekt. Ihr oberster Glaubenssatz war die ständige Verwandlung, die absolute Verwandelbarkeit. Warum wurde diese schönste aller Utopien nie ernst genommen? Weil sie so lustig war, weil sie auf dem Theater stattfand?
Natürlich hat die Gegenwelt der Commedia dell‘arte zu meiner Gegenwelt gravierende Unterschiede. Nicht nur, dass sie utopisch war. Sie war naiv, spontan, sie war weniger absichtsvoll, Ich habe über 30 Bücher geschrieben, die Commedia nicht eines. Vor allem war sie vor Marx. Und vor dem 20. Jahrhundert. Das wunderbare aber ist: beide Gegenwelten kommen von außen, sie sind nicht von dieser Welt.

Meine Gegenwelt reduziert sich nicht auf die beiden Angelpunkte, die Brennpunkte. Aber wer die im Griff hat, hat die ganze Gegenwelt im Griff. Und wer sie hat, hat für sein Leben ausgesorgt. Dann ist ihm die wirkliche Welt ertragbar und erscheint ihm überwindbar. Und sobald die progressive Menschheit die Gegenwelt in Besitz genommen hat, hat die wirkliche Welt keine Chance mehr. Dann ist es um sie geschehen. Amen!

  • Autor: Gerhard Branstner
    Quelle:© Philosophischer Salon
    Update: Berlin, 01.08.2001