Der Querschläger
Supplément der Kalaschnikow


Das System Heiterkeit. Die Religion der Atheisten. Elemente einer Grundlegung

Inhalt

Einführung
Die Heiterkeit der Naturvölker
Die Phase der Verernstung
Das Ende mit Schrecken
Die Kunst der Heiterkeit
Sentenzen zur Heiterkeit

Einführung Nach der Gleichheit ist mir die Heiterkeit die vornehmste Eigenschaft des Menschen. Freiheit kann nur inmitten dieser beiden wohnen. Die Heiterkeit aber, jedenfalls wenn sie aus sozialer Gleichheit und Freiheit entspringt, ist der Sinn und Genuß unseres Daseins. Und da der Mensch von Natur aus und normalerweise gleich und frei ist, führt er auch dieses Dasein. Alle anderen Berichte entsprechen nicht der Wirklichkeit. Die Heiterkeit ist den Naturvölkern, bei allen Irritationen durch Aberglauben und natürliche Widernisse und dergleichen, die unablässige Grundstimmung.
In der Klassengesellschaft geht mit der Gleichheit auch die Freiheit und mit dieser die Heiterkeit als Grundstimmung verloren und wird zur Grundsehnsucht. Um lediglich als verfehltes Bedürfnis und karnevalistische Narrheit fortzuexistieren. Mit welcher Lebenskraft die Heiterkeit ihre Bedingungen sucht, beweist sie in der italienischen Commendia dell' arte, wie sie infolge der Renaissance ihre eigene Welt errichtete, eine geschlossene Welt der Heiterkeit. Hingegen verdirbt die Verernstung der Klassengesellschaft alle positiven menschlichen Eigenschaften wie Verläßlichkeit, Ehrlichkeit, Geselligkeit, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Frieden und Freundschaft.
Nach dem Gesetz der Dialektik folgt der Negation, der Phase der Verernstung in der Klassengesellschaft, die Negation der Negation, die Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit, und zwar nicht mehr als Grundstimmung, sondern in Heiterkeit als Grundhaltung. Einhergehend mit der Aufhebung der Ungleichheit und der Unfreiheit. Jetzt ist die Heiterkeit nicht mehr naive, sondern bewußte, philosophische. Als das ist sie gewolltes und gekonntes Regularium: Lebenswille, Lebenshilfe und Lebensgenuß. Aufhebung des Einzelnen in der Gattung, als Gattungswesen. Die Philosophie der Heiterkeit wird zur "Religion" der Atheisten. Und je unwahrscheinlicher uns diese Metamorphose der Menschheit erscheint, desto unwürdiger muß uns der gegenwärtige Zustand erscheinen.
Der Menschheit wird eines Tages unsere Gegenwart unglaubhafter sein als uns heute eine vernunfthörige Zukunft.
Die Vorhersieht dieser Entwicklung ist ihre Wissenschaft.
Die folgenden Texte sind im Laufe mehrerer Jahre und aus unterschiedlichen Anlässen entstanden. Daher ist eine äußere Harmonie nicht immer gegeben. Die innere Harmonie hingegen ist unverkennbar.

Die Heiterkeit der Naturvölker

Die ernstesten Zeiten bedürfen der größten Heiterkeit. Das ist eine paradoxe Forderung. Oder vielmehr eine dialektische. Fridjof Nansen berichtet von einer Gruppe von Eskimo, die durch einen verfrühten Wetterumschlag den Wechsel zu ihrer nächsten Nahrungsquelle verpaßt hatte und nun abgeschnitten war. Und obwohl die Eskimo schon am Verhungern waren, erlebte Nansen sie als die heitersten, lachlustigsten Menschen, denen er je begegnet war. Und die Pygmäen wurden schon von den alten Römern ob ihrer Lustigkeit geschätzt. Lachlustig sind sie auch heute noch, denn sie haben bis heute, wie die von Nansen angetroffenen Eskimo, niemals römische oder andere Statthalter über sich gehabt.

Daß die Eskimo zu ihren Zeiten nach unserem Verständnis schlimme Übeltäter nicht bestraften, sondern vermittels Lachwettbewerben nur den gemeinschaftlichen Frieden wieder herstellten, egal ob das Lachen auf Kosten des Täters oder des Opfers ging, da nach ihrem Verständnis kein Mensch von Natur aus schuldig oder lobenswert ist, beschäftigt hingegen keinen Historiker und schon gar nicht Millionen Menschen, weder Franzosen noch Deutsche noch Chinesen, obwohl das doch vielmal bemerkenswerter ist als die Feldzüge Napoleons.

Das ursprüngliche und eigentliche Wesen des Menschen sei Heiterkeit? Das ist zu belegen.
Zunächst die Heiterkeit als ursprüngliches Wesen des Menschen. Beginnen wir mit dem nördlichsten der Naturvölker, den Eskimo. Von ihnen sagt Eva Lips, daß sie "die fröhlichsten und lachlustigsten unter den Völkern Amerikas" seien. Sie konstatiert "eine Fröhlichkeit des Herzens … die kaum vorstellbar" ist und bezeichnet die "Lachlust als anerkannte Hauptemotion der arktischen Menschen".
Von den Indianern Nordamerikas sagt Georg Catlin: "Unter den Irrtümern, in die man … hinsichtlich der Wilden verfällt, ist wohl keiner allgemeiner verbreitet und falscher und zugleich keiner so leicht zu widerlegen als der, daß der Indianer ein mürrisches, verdrießliches, verschlossenes und schweigsames Wesen sei." Und nach seinen Erfahrungen mit den Mandanern, die "von den mannigfachen Leidenschaften und Begierden des zivilisierten Lebens noch unberührt geblieben sind", berichtet Catlin, daß er "Zeuge der unerschöpflichen Scherze und des unauslöschlichen Gelächters" sein konnte.
Diese Wesensart zeichnet auch die südamerikanischen Indianer aus, solange sie von der Zivilisation "unberührt geblieben" sind. So charakterisiert Karl von Steinen die zentralbrasilianischen Bakairi als "heiter" und Maximilian zu Wied-Neuwied die Botokuden als "lustig".
Das gleiche gilt für die schwarzafrikanischen Naturvölker. Schon der Römer Galen wußte davon, wenn er die "Leute von Zendsch" um 200 unserer Zeitrechnung wie folgt beschreibt: "Sie sind ausgelassen fröhlich. Nie sieht man einen Zendsch bekümmert, der Kummer ficht sie nicht an, und die Freude umfaßt sie alle." Die Heiterkeit der Naturvölker ist den "zivilisierten" Menschen so ungewohnt, daß in Afrika tätige Naturforscher beispielsweise bei den Pygmäen noch heute "eine für uns Europäer unvorstellbare Heiterkeit" antreffen. Da kann es einem vom Ernst geschlagenen Wissenschaftler, wie Johann Ludwig Kropf, passieren, diese Heiterkeit noch unerträglicher als eine Unbill der Natur zu empfinden. "Ich war sehr froh, … abreisen zu können, da mir die empfindliche Nachtkälte, … noch mehr aber das lärmende Wesen der Wanika und Wakamba sehr zuwider war. Wenn die Leute nichts zu tun haben und in Sicherheit sind, so schwatzen und lachen sie und verüben alle möglichen Tollheiten, daß ein Europäer bei ihnen fast nicht aushalten kann."
Die Heiterkeit der Südseeinsulaner ist uns geläufiger. Schon Adelbert von Chamisso berichtet von den Kanaken der Sandwichinseln: Das "Lachen hat hier nichts Feindseliges … jeder lacht über den anderen, König oder Mann, unbeschadet der sonstigen Verhältnisse." Und selbst von den heiligsten Kultveranstaltungen sagt er: Gegen "die Lustigkeit, mit der sie vollzogen wurden, könnte die Lustbarkeit eines unserer Maskenbälle für ein Leichenbegängnis angesehen werden." Nach einer Fülle gleichartiger Beobachtungen resümiert Chamisso: "Man findet den regsten Sinn und das größte Talent für den Witz unter den Völkern, die der Natur am wenigsten entfremdet sind." Und Georg Heinrich von Langsdorff spricht von den "immer frohsinnigen Menschen" der Marquesas-Inseln. Ebenso Hermann Melville: "Ich hatte reichlich Gelegenheit, die Sitten der Eingeborenen zu beobachten … Eine von mir bewunderte Eigenart war die unablässige Heiterkeit."
Heiterkeit war, um mit Eva Lips zu sprechen, unter den Naturvölkern die "Grundeinstellung zum Leben". Sie entsprang der auf sozialer Gleichheit beruhenden Freiheit und war daher keine Laune oder individuelle Charaktereigenschaft, sondern gesellschaftliche Wesensart des Menschen, seine allgemeine und dauernde Stimmung; weshalb sie als Grundstimmung definiert werden kann. Daraus erklärt sich, daß auch die Kunst der Naturvölker heiter "gestimmt" ist, Heiterkeit zum allgemeinen und dauernden Inhalt hat.
Die Kunst der Urgesellschaft ist noch unmittelbarer Ausdruck des Wesens des Menschen, seiner Heiterkeit. So können gleich mehrere Forscher von den "witzigen Trommeltänzen" der Eskimo und den "Spottliedern" berichten, die als "Gerichtssitzungen des verurteilenden Lachens … eine Institution des gesamten Eskimogebietes" sind. (Gerichtsbarkeit in Form witziger Kunst ist wohl die menschlichste Form von Gerichtsbarkeit.)
Und von der Kunst der Indianer sagt Eva Lips: "Immer ist das Lachen das Mittel der Wirkung." So stellt sie bei den Nootka eine "Hinneigung zum Spaßmachertum" fest: "Der Sinn für Späße ist schon in den Gemeinschaftstänzen der Nootka … In diesen Tänzen zeigt sich treffend das angeborene Komikertalent … Ähnliche Talente zeigen sie in den Spielen, die regelrechte Theatertitel tragen … Dabei werden neben anderen Späßen die Häuptlinge verhöhnt … Der Sinn für Spaß geht bei den Nootka so weit, daß sogar ein Kind es wagen darf, die heiligen Gesänge der Schamanen in spielender Lustigkeit karikierend nachzuahmen … Daß ein derart humorbegabtes Volk sich auch seinen Kulturheroen (den Helden, der alles Lebenswerte gebracht und gelehrt hat) nur als scherzhaften Charakter vorstellen kann, ist verständlich … und mit Recht wird die Großzügigkeit der Nootka-Kultur mit den Worten gerühmt: ›Nicht in jeder Kultur ist es möglich, vor einem dankbar applaudierenden Publikum in fröhlicher Weise diejenigen Institutionen derb zu parodieren, die der Gemeinschaft heilig und teuer sind‹." Und Catlin sieht, nachdem er das Gebiet der Indianer am Yellowstone als ein "wahres Land der Epikuräer" kennengelernt hat, "diese Wildnis als die wahre Schule der Kunst" an. Man betrachte ihre "Spiele und Unterhaltungen, die von unaufhörlichem Freudengeschrei begleitet sind, oder man gehe in ihre Wigwams und beobachte die um das Feuer versammelten Gruppen, wo Scherze und Anekdoten erzählt werden und fröhliches Gelächter erschallt - und man wird sich überzeugen, daß Lachen und Fröhlichkeit ihnen natürlich sind." Und bei den Sioux hat Catlin "so viele verschiedene Tänze" gesehen, daß er "dieses Volk die ›tanzenden Indianer‹ nennen möchte". Einige dieser Tänze "sind ungemein grotesk und lächerlich und erhalten den Zuschauer in fortwährendem Gelächter". Und von den Bakairi sagt Karl von Steinen, daß sie "mit lebendiger Pantomime" zu spotten verstanden.
Die Heiterkeit der Kunst Schwarzafrikas belegt Eva Lips mit reichlichen Beispielen. So "dienen die in den Märchen auftretenden schalkhaften Tiere Afrikas einer geistvollen Lustbarkeit unter den Menschen und dienen außerdem im Palaver dem Beweis von Schuld oder Unschuld vor Gericht". (Wenn nicht nur bei den Eskimo, sondern auch in Schwarzafrika Gericht in Form heiterer Kunst gehalten wird, kann das nicht aus dem Klima oder der Hautfarbe erklärt werden!)
Von den Polynesiern berichtet Chamisso: "Poesie, Musik und Tanz, die auf den Südseeinseln noch Hand in Hand, in ihrem ursprünglichen Bunde einhertreten, das Leben der Menschen zu verschönen, verdienen vorzüglich beachtet zu werden. Das Schauspiel der Hurra, der Festtänze der O-Waihier, hat uns mit Bewunderung erfüllt … Im wandelnden Tanze entfaltet sich … die menschliche Gestalt aufs herrlichste, sich im Fortfluß leichter, ungezwungener Bewegung in allen naturgemäßen und schönen Stellungen darstellend … Welche Schule eröffnet sich dem Künstler, welcher Genuß bietet sich hier dem Kunstfreunde dar. Die schöne Kunst … ist die Blüte ihres Lebens, welches den Sinnen und der Lust angehört." Und zum gleichen Gegenstande: "So hingerissen und freudetrunken, wie die O-Waihier von diesem Schauspiel waren, habe ich wohl noch nie bei einem anderen Feste ein anderes Publikum gesehen." Und endlich: "Wahrlich, seit ich wiederholt die widrigen Verrenkungen anzuschauen mir Gewalt angetan habe, die wir unter dem Namen Ballettanz an unseren Tänzerinnen bewundern, erscheint mir, was ich … von der Herrlichkeit jenes Schauspiels gesagt habe, blaß und dem Gegenstande nicht entsprechend! Wir Barbaren! Wir nennen jene mit Schönheitssinn begabten Menschen ›Wilde‹ … Ich habe es immer bedauert und muß hier mein Bedauern wiederholt ausdrücken, daß nicht ein guter Genius einmal einen Maler, einen zum Künstler Berufenen … auf diese Inseln geführt. - Es wird nun schon spät. Auf O-Taheiti, auf O-Waihi verhüllen Missionshemden die schönen Leiber, alles Kunstspiel verstummt, und das Tabu des Sabbats senkt sich still und traurig über die Kinder der Freude."
Von den Insulanern auf Imeo berichtet Friedrich Gerstäcker: "Unter einem der größten Brotfruchtbäume … standen fünf Indianer mit Trommeln … einander gegenüber … Um sie her lagerten in bunten Massen ich glaube alle Frauen, Mädchen und Kinder der ganzen Nachbarschaft. Die Männer trieben sich plaudernd und lachend zwischen ihnen herum. Jeweils wenn die Trommeln ihren Marsch begannen, warfen sich ein paar der Mädchen wie im tollen, wilden Übermut in die Reihe, und führten teils einzeln, teils gegeneinander den wildesten Tanz aus, den sich menschliche Einbildungskraft nur denken oder ersinnen kann. Ich habe nie etwas gesehen, das zu gleicher Zeit so graziös und doch so kräftig, so natürlich und dabei so unanständig gewesen wäre, als dieser Cancan … Es schien, als wäre die ganze weibliche Bevölkerung von der Tarantel gestochen. Wilder und jubelnder wurde dabei der Tanz, je mehr sich die Tanzenden selber an der Glut desselben erhitzten; schärfer wirbelten die Trommeln, die Augen brannten, die Locken flogen, und wieder und immer wieder stürmten die tollen Mädchen wie rasende Bacchantinnen, wenn ich sie schon zu Tode erschöpft glaubte, immer aufs Neue zwischen die Trommeln, die einen zauberhaften Einfluß auf sie auszuüben schienen … Wär ich ein Maler, das Bild dieses Abends müßte ich auf der Leinwand haben … es war ein wildes herrliches Bild, und ich werde den Abend in meinem Leben nicht vergessen."
Von den Gilbert-Inseln gibt uns Robert Louis Stevenson den Bericht eines fünftägigen Festes: "Die Sänger, hübsche Mattenschurze um die Lenden, in Ringe gesteckte Kokosfedern an den Fingern, die Köpfe mit gelbem Laub gekrönt, saßen gruppenweise auf dem Boden. Die Solisten erhoben sich jeweils, doch alle anderen wirkten mit … Es ist kaum zu glauben, wieviel Feuer und Kraft sie in die stampfenden Schlußstücke hineinlegten … Der Tanz, die Trommeln vereinten sich mit dem Gesang, dem Solo, dem Quartett, zu einem dramatisch in sich geschlossenen Ganzen in voll entwickelter Form … Die Hula, die der flüchtige Globetrotter in Honolulu zu sehen bekommt, ist ganz gewiß das langweiligste Machwerk menschlicher Erfindungsgabe … Aber die Tänze der Gilbert-Inseln gehen ins Blut, sie fesseln und erregen den Zuschauer und reißen ihn mit. Ihnen wohnte jene unerforschliche, zündende Kraft inne, die das Wesen aller echten Kunst ausmacht. Wo so viele Mitwirkende beteiligt sind, wo jeder in jedem Augenblick die richtige, oft ausgeklügelte, oft auch aus der Eingebung geborene blitzschnelle Bewegung ausführen muß, da geht dem Auftritt natürlich eine äußerst harte Zeit der Übungen und Proben voraus … Damit man nicht glaube, ich übertreibe in meinem Lob, sei hier eine Stelle aus dem Tagebuch meiner Frau angeführt. Sie zeigt, daß nicht ich allein so beeindruckt war. Mag sie das Bild abrunden ›… Nach der Ouvertüre gab es eine Pause, und dann begann die eigentliche Oper - denn es war nichts anderes -, eine Oper, in der jeder Sänger zugleich ein hervorragender Schauspieler sein mußte. Der Vortänzer, von Kopf bis Fuß ganz Leidenschaft, ganz Extase, schien entrückt. Einmal war es, als fegte eine Windsbraut über die Bühne. Die Arme, die gefiederten Finger verrieten eine Erregung, die an meinen Nerven rüttelte … Mir wurde heiß und kalt dabei. Tränen brannten mir in den Augen. Der Kopf schwirrte mir. Ich spürte ein schier unüberwindliches Drängen, mich zu den Tänzern zu gesellen. Ein Drama, so glaub ich, das ich fast ganz verstand …‹" Und Stevenson beschließt den Bericht: "Zur Krönung des Ganzen eröffnete die Kaingruppe einen wahrhaft unübertrefflichen Tanz … Etwas Lustigeres habe ich nie gesehen. Die Nummer hätte in jedem europäischen Theater das Publikum zu wahren Beifallsstürmen hingerissen. Auch hier krümmten sich die Menschen vor Lachen und brüllten vor Begeisterung."
Und endlich bringt uns Eva Lips auf eine hochinteressante Fährte: "Aus dem vielfältig gefärbten Lachen der Völker, das im Witz, im Gleichnis, im Wortspiel, in der Situationskomik, im Mißverstehen, im allzuguten Verstehen und auf Dutzende anderer Weisen sich äußert, entstieg nun - da das alles Menschenwerk ist - eine menschliche Gestalt, im bunten Kleid, mit schillerndem Geist, entzückend durch die Gabe der Improvisation und trächtig beladen mit dem Traditionsgut der Völker, die ihn schufen: der Clown. Wer ist er? Wo kommt er her? Warum finden seine Spuren sich überall auf der Erde? … Er ist das Lachen selber, das Menschengestalt gewann, … er sagt, was sonst nicht fein oder manierlich wäre zu sagen, aber gern gesagt würde, … gäbe es ihn nicht, das Nichtzuerwähnende bliebe wirklich unerwähnt." Er "regt die Menschen an, weil sie in seiner Verwegenheit ihre eigenen Wunschträume erkennen … Er darf alles, auch was seine Zuschauer nicht dürfen, er spricht es aus, er tut es, und sei es im geheiligsten Augenblick, wo es sich am wenigsten gehört. Er ist die Überraschung, ist das Natürliche, das über Pathos und Ritual triumphiert … Damit haben wir die Geschichte seiner Herkunft, die uralt ist und universell … Daß er so alt ist wie das Lachen, das heißt so alt wie die Menschheit selbst, daran kann kein Zweifel bestehen … er gehört zum Menschsein wie das Bedürfnis nach Aufatmen dazu gehört." Nachdem Eva Lips konstatiert hat, "daß das Menschsein gewisse elementare Bedürfnisse in sich einschließt, die allen Wesen dieses Namens eigen" sind, und daß zu diesen elementaren Bedürfnissen die "Gestalt des Spaßmachers, des Clowns, unbedingt gehört", weist sie auf die Völkergruppe der Orokaiva auf Neuguinea hin: "Sie sind Liebhaber theatralischer Vorführungen von bemerkenswerter Vielfalt; und jedes dieser ihrer Lieblingsstücke ist als ›die Aufführung eines Witzes‹ charakterisiert worden … Kein Wunder also, daß der Clown oder seine Mehrzahl die tragenden Figuren dieser Stücke sind." Und die Itelmenen von Kamtschatka nennt sie, auf den Beobachtungen Stellers fußend, ein "Volk von Clowns, mit einem Clown als Gott".
So heiter waren die Naturvölker, und so heiter war ihre Kunst. Gegenbeispiele sind da kein Gegenbeweis. Auch in der Urgesellschaft gab es Unglück und Leid des einzelnen oder der Gemeinschaft. Und auch der aus Unwissenheit entspringende Aberglaube konnte die Heiterkeit trüben, auch die Heiterkeit der Kunst. Aber diese Trübungen sind keine Beispiele von Freiheit und können daher nicht gegen das Gesetz zeugen, nach dem Freiheit zu Heiterkeit führt. Heiterkeit ist die natürliche Form der Freiheit. Und sie ist ihre menschliche Form. Wie die Freiheit des einzelnen nur in der Gemeinschaft verwirklichbar ist, so ist sie auch nur in der Gemeinschaft genießbar. Ihr höchster Genuß aber ist die gemeinsame Heiterkeit. Und diese Heiterkeit kultiviert sich in Form der Kunst. Kunst ist anfänglich und endlich nichts anderes als eine Form der Heiterkeit. Gemeinsame Heiterkeit als höchster Genuß sucht sich die Form, in der dieser Genuß wiederholbar ist: die Kunst. Und die dem Genuß gemeinsamer Heiterkeit dienlichste Kunst ist das Theater.

Die Phase der Verernstung

Die immer wieder mit Erstaunen und Bewunderung beobachtete Heiterkeit beruhte auf ihrer Freiheit, und ihre Freiheit beruhte auf ihrer sozialen Gleichheit. Und umgekehrt: "Die soziale Ungleichheit schlägt um in soziale Unfreiheit." (E. W. Böckenförder) Und im Ernst.

Alles Leben ist durch die Klassengesellschaft geprägt, und die Klassengesellschaft ist eine Geschichte der Verernstung. Und die macht alles verkehrt, vor allem die Politik. Der Kampf um die Freiheit ist ernst, die Freiheit selbst ist heiter. Ohne die Vorahmung dieser Heiterkeit der Freiheit sind wir, statt wirklich ernsthaft zu sein, statt den Ernst in Heiterkeit aufzuheben, Sklave des Ernstes.

Das welthistorische Unglück der Verernstung
Das utopische Denken wird schlechthin im Vorhof des wissenschaftlichen Sozialismus von Marx und Engels angesiedelt. In Wirklichkeit existiert es in mehr oder weniger artikulierter Form seit dem Beginn der Klassengesellschaft, denn der tiefste Sinn aller Gesellschaftsutopie ist die Sehnsucht nach der Gleichheit der Menschen. Und diese Sehnsucht wurde mit der Ungleichheit des Eigentums (an den Produktionsmitteln) und aller anderen daraus entspringenden Ungleichheiten geweckt. Selbst das an Jesus und dem Urchristentum heute noch Gültige ist nur so erklärbar. Wie die "unablässige Heiterkeit" (Hermann Melville) der Naturvölker auf der sozialen Gleichheit beruhte, so beruht die Verernstung des Menschen in der Klassengesellschaft auf der sozialen Ungleichheit und deren unmenschlichen Folgen. Und die dümmste Folge besteht darin, daß sich die Menschheit dieses Vorgangs bis heute nicht bewußt ist.
Die Bewußtheit äußert sich in der unbotmäßigen Heiterkeit.

Ein verhängnisvoller Fluch, der auf uns lastet, ist die Verwaltung des Menschen durch den Menschen. Durch diese Verwaltung wird die Autonomie des Menschen, sein höchstes Gut, eingeschränkt und aufgehoben. An die Stelle der eigenen Entscheidung über sich selbst tritt die fremde Entscheidung über ihn; sein Wohl und Wehe hängt von der Urteilsfähigkeit, dem Gerechtigkeitssinn, der Laune, den Interessen, dem Charakter anderer ab.

Wenn die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen schon infam ist, so ist die Verwaltung des Menschen durch den Menschen noch infamer. Die Ausbeutung entwendet ihm nur sein Produkt, die Verwaltung entwendet ihn selber.

Die Verernstung, der Verwaltung des Menschen durch den Menschen geschuldet, ist ein schwerwiegender und folgenreicher historischer Vorgang, der, wie bei dem Mangel an sozialer Vererbung nicht verwunderlich, kaum wahrgenommen wird. Allein die mit der Verernstung verbundene Verblödung hat viele Formen, vom Sadismus bis zum Bürokratismus, von der Individualisierung, Vereinzelung, Sprachlosigkeit, Ungeselligkeit bis zum krankhaften Mißtrauen, von der Obrigkeitsgläubigkeit bis zu Heuchelei usw. usf.

In der in Besitzende und Besitzlose halbierten Gesellschaft ist auch das Lachen halbiert, es gibt keine ungeteilte Freude. Des einen Freud ist des anderen Leid. Lukian macht in seinem Totengespräch Die Überfahrt oder Der Tyrann diesen Tatbestand deutlich, wenn er den Tyrannen Megapenthes um sein Leben betteln läßt, wogegen der Schuster Mikyllos zu sagen hat: "Übrigens hat es mit mir eine ganz andere Bewandtnis als mit den reichen Herren. Ihr Leben und mein Leben sind das vollkommene Gegenteil. Der Tyrann dünkte sich glücklich; er stand in hohem Ansehen, wurde von jedermann gefürchtet und hatte eine Menge Gold und Silber, es ist also ganz natürlich, daß es ihm wehe tut, von dem allen weggerissen zu sein. Ich hingegen, der weder Äcker noch Haus und Hof noch bares Geld noch Geräte noch Ehrenstellen noch Ahnenbilder auf der Welt zurückließ, ich war gleich reisefertig, weil ich nichts hinterließ, das mich auch nur den Kopf zu drehen gereizt hätte. Auch finde ich alles bei euch (im Totenreich) besser geordnet. Besonders die hier eingeführte Gleichheit ist sehr nach meinem Geschmack. Hier ist eine völlig umgekehrte Welt; wir armen Leute haben zu lachen, die Reichen jammern und heulen."

Die zweite Stufe der Negation der Negation, die Stufe der Negation, ist gewöhnlich die unreinlichste. Das trifft voll und ganz auch auf die zweite Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, auf die Klassengesellschaft zu. Solange die Gesetze zweiter Ordnung (die von Marx entdeckten Naturgesetze der Gesellschaft) sich nicht mit dem Gesetz erster Ordnung (dem Gesetz der Einheit von Mensch und Natur) anlegen, haben sie Narrenfreiheit, auch gegen sich selber. Mit der Klassengesellschaft durchläuft die Menschheit ihre Flegeljahre. Da sind Bocksprünge, Rösselsprünge, Purzelbäume und Bruchlandungen die beliebtesten Arten der Fortbewegung. Oder anders gesagt: Die Geschichte irrt sich dauernd. Oder mit Marx gesagt: Die Gesetze setzen sich durch, indem sie sich nicht durchsetzen.

Die menschliche Geschichte besteht haufenweise aus Irrtümern, auch Fehlversuche nennbar, wie auch die Natur aus unzähligen Fehlversuchen besteht. Und wenn nicht alles täuscht, ist die Frage noch offen, ob nicht die Menschheit als ganze ein Fehlversuch ist. Ein Irrtum der Natur. Ihre natürlichen Existenzbedingungen jedenfalls sind mehr gefährdet als gesichert. Was kommt es da schon auf einen Fehlversuch im Detail an? War ein Detail wie die Oktoberrevolution, wenn sie ein Irrtum war, ein Irrtum in der Zeit oder im Ort oder in der Art und Weise? Jedenfalls ist es unerlaubt, ja töricht, der Geschichte einen Sinn und Verlauf abzuverlangen, der unseren liebgewordenen, aber simplen Wunschvorstellungen entspricht. Umgekehrt sollte öfter einmal gefragt werden, ob ihr Verlauf nicht eine Häufung von Irrtümern sei. Das eine Ereignis kommt zu früh, das andere zu spät, manches kommt ganz überflüssigerweise und manches überhaupt nicht. Die Geschichte irrt sich dauernd.

Die Geschichte irrt nicht nur dauernd, die Irrtümer der Geschichte sind auch objektive Wirklichkeit. Die griechisch-römische Sklavenhaltergesellschaft war vermutlich ihr größter Irrtum, sie war zu früh gekommener Kapitalismus. Eben daran ist sie zugrunde gegangen. Die Geschichte hatte sich an ihr übernommen. Zu früh gekommener Kapitalismus konnte natürlich kein ganz richtiger Kapitalismus sein. Aber für die gegebenen Voraussetzungen war er doch zuviel Kapitalismus. Wie aber kann ein verfrühter Kapitalismus, ein Irrtum der Geschichte, das mächtigste Weltreich werden?

Und noch einmal mit Marx gesagt: Wenn Gesetz und Erscheinung identisch wären, bräuchte es keine Wissenschaft. Nun sind aber Wesen und Erscheinung nie identisch, mithin erscheint die Geschichte nur als Irrtum. Wobei "irren" nicht buchstäblich zu verstehen ist, wie, wenn ich sage: die Sonne meint es wieder mal gut, ich "meinen" ja auch nicht buchstäblich meine.

Der dialektische Gegensatz zwischen Erscheinung und Gesetz macht aber auch einen Unterschied in der moralischen Bewertung aus. Stalin auf die Geschichte als Erscheinung bezogen ist ein Massenmörder, auf die Geschichte als Gesetz bezogen ist er ein Irrtum.

Über allem aber gilt: Die Menschheit entwickelt sich nur nach verbindlichen Gesetzen, selbst ihre Irrtümer haben gesetzliche Kausalität und sind nicht beliebig. Das heißt aber nicht, daß die Geschichte sich unvermeidlich entwickelt. Das heißt nur, daß sie sich allein nach diesen Gesetzen und nicht willkürlich entwickeln und irren kann. Sie kann es aber auch bleiben lassen und sich mit der Verfehlung der Gesetze aus der Welt verabschieden. Das ist ein "natürlicher" Vorgang und hat in der Naturgeschichte mehr Beispiele, als uns lieb sein kann.

Was Napoleon in Moskau wollte, weiß kein Mensch. Nicht einmal Napoleon selber. Nicht nur der Zug nach Moskau war irrational, auch die Folge: Ohne Moskau kein Waterloo.

Die Wahrheit ist, daß die Klassengesellschaft normale Menschen dazu bringt, wie Idioten zu denken und zu handeln, selbst so begabte wie Napoleon.

Schiller mokierte sich darüber, daß Goethes Briefe an ihn nicht im persönlichen Ton verfaßt waren, sondern in Rücksicht auf ihre spätere Veröffentlichung. Und Thomas Mann gratulierte seinem Bruder Heinrich zum Geburtstag, indem er einen vorgefertigten Text aus der Tasche zog und verlas. Der Unsinn der Klassengesellschaft, zwischen Persönlichem (Natürlichem) und Offiziellem (Zurechtgemachtem) schroff zu unterscheiden, findet in der Politik seinen absurden Höhepunkt. Da ist das Natürliche, Echte, Wahrhaftige nicht nur verpönt, es ist einfach unmöglich. Die Verkehrung, die Entfremdung, Distanzierung, Verfälschung, die Verunmenschlichung ist in einem Maße zum Gesetz des Verkehrs der Menschen in der Klassengesellschaft geworden, daß alle Bereiche davon durchdrungen sind, auch die Gesellschaftstheorie, auch die Philosophie. Und es ist nicht nur der Ton, die Sprache, sondern auch der Inhalt, der Stoff, der unnatürlich, unpersönlich, unmenschlich gefaßt wird. Die Entstehung des Pluralismus
Die Sklaverei wurde zu ihrer Zeit als naturgegeben gerechtfertigt, der Feudalismus wurde als gottgegeben gerechtfertigt. Zur Rechtfertigung des Kapitalismus reichte eine Unwahrheit nicht aus. Deshalb wurde der Pluralismus erfunden.
Das ist die logische Kausalität. Die wirkliche Kausalität sieht genau anders aus. Wenn logische und wirkliche Kausalität übereinstimmen, wenn beide identisch, wenn Wesen und Erscheinung eines wären, dann bräuchten wir keine Wissenschaft. Hat schon Marx gesagt.

Aus der "Kantine"
Pirol: Abgesehen davon übersehen Sie offenbar, daß die ernste Stufe voller Heiterkeit ist. Als Zeugen rufe ich, um nur einige zu bemühen, Aristophanes, Lukian, Rabelais, Cervantes, Shakespeare und Molière auf.
Toredid: Die zeugen von etwas ganz anderem. Die zweite Stufe der Negation der Negation verkehrt stets das Wesen der negierten Erscheinung in ihr gerades Gegenteil. Eben darin besteht die dialektische Funktion der zweiten Stufe. Nur im Kampf gegen seine Verkehrung, gegen sein gerades Gegenteil kann sich das Wesen einer Erscheinung voll ausbilden, nur angesichts seines Gegenteils kann es sich selbst erkennen, zu sich selbst kommen. Indem die Negation das Wesen einer Erscheinung in sein Gegenteil verkehrt, fordert sie es zugleich heraus. Ein jedes Wesen wehrt sich gegen seine Verkehrung: es versucht, sich zu bewahren, sich wiederherzustellen, aber eben auf mehr oder weniger verkehrte, abenteuerliche, groteske, komische oder tragische Weise.
Hermann: Das ist der Schlüssel für die Merkwürdigkeiten der Klassengesellschaft. Jetzt erklärt sich manches, und manche Erklärung wird jetzt fragwürdig.
Toredid: Da die Negation das Wesen einer Erscheinung aufhebt, bringt sie das Wesen gegen sich auf, wird von ihm attackiert und manchmal, wenn auch nur partiell, sogar besiegt. Daher ist die zweite Stufe der Negation der Negation niemals ganz sie selbst, sie ist stets die unreinlichste der drei Stufen. Sie ist die Stufe der Ausnahmen.

Die von Ihnen aufgerufenen Herren sind dafür Zeugen. Auch dafür, daß die Heiterkeit in der zweiten Stufe der Entwicklung nicht mehr die spontane Folge von ihr günstigen Bedingungen, sondern vielmehr Ausdruck der Ungunst ihrer Bedingungen ist. Unter diesen Bedingungen erfordert die Heiterkeit eine individuelle Anstrengung, nämlich die subjektive Aufhebung des Ernstes, was ihr die Form des Humors gibt. Der Humor ist die nicht allen gegebene, die nicht ein für allemal gegebene Heiterkeit, er ist die Heiterkeit des einzelnen, er ist vereinzelte Heiterkeit, die sich ständig gegen die Allgemeinheit des Ernstes behaupten muß. Der Humor ist die Heiterkeit als Ausnahme, und der Ernst bestimmt die Regeln. (Zu Pirol) Ihre heiteren Herren bezeugen also nichts als die Herrschaft des Ernstes.

Wenn wir die Gestalt des Hamlet mit der des Leonce vergleichen, können wir eine verblüffende und zugleich bezeichnende Verwandtschaft beider feststellen. In einer modernen Darstellung des "Hamlet" muß aber der tiefere Grund dieser Verwandtschaft, soweit er im Wesen der Gestalt des Hamlet liegt, offenbart werden. Worin aber liegt die Verwandtschaft begründet?
Wir nehmen die Begriffe des Tragischen und des Komischen zu Hilfe, wie sie von Marx in seiner "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung" gegeben werden. Wenn Marx dort die Geschichte des Ancien régime als tragisch bezeichnet, "solange es selbst an seine Berechtigung glaubte und glauben mußte", so ist damit die geschichtliche Ebene bezeichnet, auf der sich auch Hamlet bewegt. Auch Hamlet hatte Teil an einem "welthistorischen Irrtum". Er war der Meinung, noch eine wirkliche Aufgabe innerhalb des alten Systems zu haben. Er glaubte, er sei geboren, diese Welt "einzurenken".
In der Tat hat Hamlet keine reale Aufgabe mehr außer der, seine Aufgabenlosigkeit (innerhalb des gegebenen Systems) zu zeigen, den "welthistorischen Irrtum" als Irrtum an den Tag zu bringen, aber ohne sich dessen voll bewußt zu werden oder gar zu sein. Deshalb kann der nächste historische Schritt nicht mehr die tragische Offenbarung des Irrtums, sondern nur noch seine komische Zurschaustellung sein: "Das jetzige deutsche Regime dagegen (schreibt Marx weiter), ein Anachronismus, ein flagranter Widerspruch gegen allgemein anerkannte Axiome, die zur Weltschau ausgestellte Nichtigkeit des Ancien régime, bildet sich nur noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt von der Welt dieselbe Einbildung. Wenn es an sein eigenes Wesen glaubte, würde es dasselbe unter dem Schein eines fremden Wesens zu verstecken … suchen?"
Wenn wir jetzt Hamlet und Leonce in ihre historisch-gesetzmäßige Beziehung bringen wollen, können wir sagen: Hamlet ist Leonce, der noch an seine Berechtigung glaubte und glauben mußte, Leonce ist der Hamlet, der nicht mehr an seine Berechtigung glaubt oder glauben kann. Beide sind ein und dieselbe Gestalt, nur um einen historischen Schritt in der Entwicklung ihres Wesens unterschieden. Leonce ist Hamlet, lediglich in der nächsten Phase seiner Entwicklung. Büchner stellt also in Leonce dar, was Hamlet noch nicht ist - was er aber unvermeidbar werden wird (wenn er sein tragisches Ende verpaßt).
Aber gerade diese Tatsache muß eine Modernisierung des "Hamlet" zum Ausdruck bringen. Wir sagten, daß die Modernisierung die Bedeutung einer Erscheinung zeitlich über den ursprünglich gegebenen Rahmen hinaus verfolgt, also zur Gegenwart drängt, womit sie die spätere Metamorphose einer Gestalt als in dem dargestellten Zustand eben dieser Gestalt bereits angelegte aufdeckt, mit einem Worte: historisch arbeitet. In unserem Falle, im Falle des von Marx definierten Tragischen haben wir als nächste Metamorphose das Komische. Eine historische Vertiefung der Gestalt des Hamlet muß also zeigen, welches der historische Gang der Entwicklung der Gestalt ist; sie muß über die unmittelbare Zeit Hamlets hinausgehen, sozusagen seine komische Zukunft implizieren. Zugleich wird erst durch eine solche historische Auffassung eine ungerechtfertigte Verschiebung der Gestalt des Hamlet ins Komische vermeidbar, weil durch diese Methode sowohl das Verbindende wie das Unterscheidende erst dialektisch erfaßbar, Hamlet eben als noch nicht komisch festgestellt wird.
Aus dieser Sachlage ergibt sich die Notwendigkeit des Humors als Mittel der Modernisierung, denn ohne ihn kann der Ansatz zum Komischen in der Gestalt des Hamlet nicht herausgearbeitet, andererseits eine Verschiebung ins Komische nicht mit Sicherheit vermieden werden. Ohne Humor wird Hamlet entweder ohne die Andeutung seiner komischen Zukunft oder als schon selber komische Figur dargestellt. Nur mit Hilfe des Humors als Mittel der Modernisierung kann diese Dialektik, dieser dialektische Widerspruch in der Gestalt des Hamlet erfaßt werden, wie er durch das Tragische und das Komische als einer Identität von Gegensätzen nun einmal objektiv gegen ist. Diese Tatsache wurde durch Brechts Sonett "Über Shakespeares Stück ›Hamlet‹" bestätigt:

In diesem Korpus, träg und aufgeschwemmt
Sagt sich Vernunft als böse Krankheit an
Denn wehrlos unter stahlgeschientem Clan
Steht der tiefsinnige Parasit im Hemd.

Bis sie ihn dann die Trommel hören lassen
Die Fortinbras den tausend Narren rührt
Die er zum Streit um jenes Ländchen führt
"Zu klein, um ihre Leichen ganz zu fassen".

Erst jetzt gelingts dem Dicken, rot zu sehn.
Es wird ihm klar, er hat genug geschwankt.
Nun heißts, zu (blutigen) Taten übergehn.

So daß man finster nickt, wenn man erfährt
Er hätte sich, wär er hinaufgelangt
Unfehlbar noch höchst königlich bewährt.

Brecht hat es in dieser Hamlet-Interpretation unternommen, den Ansatz zum Komischen (sogar stark übertrieben) in der Gestalt des Hamlet deutlich zu machen, wobei Brecht sich der Ironie bedient.

Bedarf nun die Modernisierung nur dann des Humors, wenn durch die Vertiefung der Aussage die Sphäre des Komischen erfaßt wird, wie es beim "Hamlet" der Fall ist?
Zunächst ist festzustellen, daß die Ironisierung (als eine der vielfachen "Techniken" des Humors) immer dann erforderlich ist, wenn eine Gestalt über ihre gesellschaftliche Rolle Illusionen besitzt, um den illusionären Charakter der Selbsteinschätzung dieser Gestalt sichtbar zu machen (auch dann, wenn diese Illusionen historisch bedingt und unvermeidbar waren). Das ist aber bei allen Gestalten älterer Stücke, also in jeder Modernisierung gegeben. Aischylos' Agamemnon ohne historische Ironie auf die heutige Bühne zu bringen wäre unerträglich. (Eben deshalb werden diese Tragödien kaum gespielt, weil die historische Ironie eine Haltung ist, zu der die Menschheit zu kommen erst im Begriffe ist.) Sie setzt im allgemeinen die jeweilige Gestalt nicht ins komische Unrecht, muß also das Komische vom Humor abzuscheiden verstehen, das heißt ihn als Mittel der Behandlung einer Gestalt anwenden, ohne diese Gestalt deshalb zu einer komischen zu machen.
Wenn wir von der Betrachtung der einzelnen Gestalten zum Problem der Tragödie überhaupt übergehen, sehen wir die allgemeine Notwendigkeit des Humors als Mittel der Modernisierung noch leichter ein, denn er ist das einzige Mittel, ein seiner Entstehung nach historisches Drama zu spielen, ohne den Dichter klüger zu machen, als er sein konnte, zugleich aber das Drama klüger zu spielen, als der Dichter war. Eine moderne Darstellung, die den "Hamlet" von Shakespeare erhalten, zugleich aber über die gesellschaftliche Aussage, über die ästhetische Erkenntnis Shakespeares hinausgehen will, kann das nur, indem sie Shakespeare spielt und ihn zugleich kritisiert. Wenn dabei aber nicht die ästhetische Geschlossenheit und damit die ästhetische Wirkung, der Kunstgenuß, zerstört werden soll, was geschehen würde, wenn einer musealen Aufführung moderne Gedanken aufgesetzt würden, muß die Modernisierung mit Humor, das heißt mit dem "Kommentar" der Ironie, arbeiten.

Wenn Hamlet, nicht nur, um sich zu tarnen, sich über sich selber lustig macht, sich närrisch gibt, seine Unbrauchbarkeit in Hinsicht auf seine vermeintliche Pflicht, zu der ihn der Geist seines Vaters ermahnt, ironisiert, so steckt darin ja nicht nur die Feststellung, daß es nicht sein Metier ist, "Berufspolitiker" zu sein, sozusagen die Praxis seines Vaters zu übernehmen, obwohl er lieber Privatier geworden wäre, vielmehr ist diese Ironie eine Form des Wissens von der Unausweichlichkeit des tragischen Endes. "Die Zeit ist aus den Fugen: Weh mir, zu denken, daß ich geboren ward, sie einzurenken!" Hamlet besitzt nicht den billigen Mut dessen, der sich der Gefahren seines Vorhabens nicht bewußt ist. Aber die Ahnung der Problematik seines Vorhabens, einerseits ein positives Moment, das den ästhetischen Wert des Hamlet entschieden hebt (was in der "Hamlet"-Lesart Brechts übersehen wird, wie in ihr überhaupt die Hamlet-Gestalt vereinfacht und deutlich vergröbert wird), verschlimmert andererseits die Sache, denn da es nur ein halbes Wissen, in sich selber inkonsequent ist, nur ein Zurückschrecken vor der Erfüllung seiner vermeintlichen Pflicht bewirkt, kommen Personen zu Tode, die ohne das Zögern des Helden am Leben geblieben wären. Gerade das Zurückschrecken vor dem Blutvergießen vermehrt das Blutvergießen. Diese Kalamität darf jedoch nicht in vollem Umfange Hamlet zur Last gelegt werden. Vielmehr trifft hier die "Hauptschuld" Shakespeare, indem er das bewährte Mittel, wie wir es in klassischer Form im "König Ödipus" des Sophokles finden, angewendet hat, die Tragik dadurch zu steigern, daß die Katastrophe gerade durch den Versuch ihrer Vermeidung herbeigeführt und noch vergrößert wird. Interessant ist, daß Shakespeare dieses retardierende Mittel zur Steigerung der Tragik durch den Humor Hamlets zur Geltung kommen läßt, denn die relative Selbsterkenntnis (die ja zur eben geschilderten Zuspitzung führt) ist, wie schon Tschernyschewski feststellte, eine humorhafte. Diese Steigerung ist jedoch kein äußerlicher Effekt, sondern spiegelt die Widersprüchlichkeit einer Zeit wider, in der neue Ideen noch unorganisiert und ohne die nun einmal nötigen materiellen Mittel des "irdischen" Kampfes, wohl aber schon von bürgerlichen Halbheiten angekränkelt, auf ein sich nur noch auf diese materiellen Mittel stützendes System treffen. Indem Hamlets Humor dieser Widersprüchlichkeit Ausdruck gibt, ist er Ansatzpunkt einer tieferen Sicht eben dieses Tatbestandes, und eine moderne Inszenierung muß sich dieser Aufgabe annehmen, statt, wie in den meisten Fällen zu verzeichnen, den Humor Hamlets noch unter die von Shakespeare gezogene Grenze zu drücken oder ihn völlig zu ignorieren. Es genügt aber auch nicht, den Humor Hamlets nur zu verstärken, denn die Selbsterkenntnis, die in ihm zum Ausdruck kommt, schlägt, weil sie ihre Klassenschranken nicht überschreitet, in ihr Gegenteil um, führt zur Katastrophe. Deshalb muß der Humor Hamlets ironisiert werden.

Durch die Analyse der Gestalt des Hamlet wird aber auch eine andere Erscheinung sichtbar, nämlich die Tatsache, daß der Humor das Leid nicht dadurch aufhebt, daß er es mildert, sondern dadurch, daß er es zur Tragik steigert. Während die Trauer bzw. das bloße Leid eine Negation (der Lebensbejahung) ist, stellt die Tragik die Negation der Negation dar. Eben deshalb ist es richtig, wenn Scheithauer/Friedrich (in ihrem "Faust"-Kommentar) sagen, daß der Humor "sich ja überhaupt nur auf tragische Grundlage voll auswirken vermag", denn das Leid, die Trauer als stärkster Gegensatz des Humors vermag eben seinen Gegensatz am heftigsten zu provozieren. Auch hier wird die Einheit der Gegensätze nicht durch ihre Milderung, sondern durch ihre volle Ausbildung erreicht, und die Einheit der Gegensätze Trauer und Humor ist das Tragische. Während die bloße Trauer, das bloße Leid den Humor ausschließt, weil der Humor das bloße Leid ausschließt, schließt das Tragische als ästhetische Erscheinung den Humor ein. Der Humor erhebt sich nicht über die Tragik (das hieße, daß das Tragische keine in sich ästhetische Erscheinung wäre); er ist nicht ihr Gegengewicht, er ist Element des Tragischen.

Die Kunst ist das Spiel des Erwachsenen
Wie der Humor die Heiterkeit des Erwachsenen, so ist die Kunst das Spiel des Erwachsenen. Sie ist das Spiel des Erwachsenen, also kein bloßes Spiel (wie der Humor keine bloße Heiterkeit ist). Aber sie besitzt die spielerische Leichtigkeit, in der der Mensch jung bleibt, nämlich dann, wenn sie von der Heiterkeit der Erwachsenen getragen ist. Der Humor ist ja nicht allein Mittel der Modernisierung im Sinne der oben behandelten inhaltlichen Vertiefung eines Bühnenwerkes, sondern auch Mittel des Stils, der Methoden, der Techniken in der schauspielerischen Arbeit, er ist (vielmehr müßte sein) Bestandteil der Auffassung des Schauspielers über den Zweck seines Berufs und damit über den Stimmungswert seiner Darstellung.
Wie viele klassische Tragödien aber haben wir schon durch die allzuernste Inszenierung lächerlich gemacht. Sollten wir nicht durch ihre heitere Inszenierung dazu beitragen, daß sie wieder ernst genommen werden? Weil sie wieder genießbar geworden sind. Aber damit wird die Kunst (auch die Kunst der Inszenierung) zur Lebenskunst.

Den Diderot kann man mögen. Und man kann ihn aus vielen Gründen mögen. Und man findet immer neue Gründe. Der meine ist, neben vielen, dieser: ich mag an ihm die Kunst der Heiterkeit. Was die Heiterkeit als Kunst vermag, hat er uns in "Jacques der Fatalist und sein Herr" gezeigt. Das ist keine Anti-Roman, und ebensowenig ist es ein Modell des modernen "offenen" Romans. Da es aber nun einmal das eine oder das andere sein sollte, hat man über die Jahrhunderte an ihm herumgerätselt und darüber versäumt, es als das zu nehmen, was es vor allem ist: ein grenzenloser Spaß. Auch ein literarischer. Da wird nicht nur der Roman in seiner akademisch sterilen "Geschlossenheit", sprich Weltfremdheit verspottet, sondern alle überalterte Literaturauffassung; und insbesondere wird die Legende, daß die literarischen Gestalten (vom Autor) unabhängiges "Eigenleben" hätten, ad absurdum geführt, indem der freie, ja spielerische Umgang mit ihnen wie mit allen Mitteln und Elementen der künstlerischen Literatur zum obersten ästhetischen Prinzip erhoben wird. Und in diesem Prinzip steckt der revolutionäre Geist, es ist die ästhetische Konsequenz dieses Geistes. Eben das hat man beim Herumrätseln übersehen, obwohl Diderot es unübersehbar gemacht hat, stellt er sich doch immer wieder neben sein Werk und verunsichert den Leser mit der Versicherung, daß er es auch anders, wenn nicht gar genau umgekehrt hätte machen können - und alle Illusion über die Unabänderlichkeit des Geschehens ist zerstört, und mit ihr alle Identifikation. Wenn das keine Verfremdung ist! Und es ist doch viel mehr als das, denn eine Identifikation bleibt immer erhalten: die mit dem Spiel. Diderot macht den Leser zum dauernden Mitspieler, er bezieht ihn ein in das heitere Spiel der Kunst. Das ist eine politische, weil eine demokratische Methode.
Diderot gelingt es, die ernstesten Probleme auf diese spielerisch heitere Art zu heben. Eines dieser Probleme ist die aus dem mechanischen Materialismus folgende fatale Auffassung von der Zwangsläufigkeit aller Ereignisse. Dem Humanisten Diderot ist dieser (seiner Philosophie eigene) Fatalismus unerträglich: "Ich werde rasend, in eine Teufelsphilosophie verwickelt zu sein, die mein Geist billigen muß und mein Herz widerlegen". Aber statt nun ernst zu machen, macht Diderot sich den Spaß, die Konstellationen völlig zu verkehren: so teilt er Jacques (dem doch sein "Herz" gehört) den Fatalismus zu, wogegen dessen Herr (den Diderot in Umkehrung der geltenden Rangordnung als sozial impotente Existenz darstellt) der strikte Vertreter des freien Willens zu sein hat. Da ist nun wirklich alles verstellt, und auf die heiterste Art dazu. Der Fatalismus, so scheint es, wird durch den potenten Jacques legitimiert und der freie Wille durch den impotenten Herrn diskreditiert. Nun hat aber der gute Jacques entgegen seinen ständigen Beteuerungen, daß alles so kommt, wie es vom Schicksal vorbestimmt ist, seine Lieblingsbeschäftigung darin, selber Schicksal zu spielen, vorzüglich, indem er seinen Herrn nach Belieben in von diesem nicht gewollte Situation bringt, wodurch Jacques den freien Willen seines Herrn als Anmaßung und seinen eigenen Fatalismus als Verstellung offenbart. Und Diderot vervollständigt die Offenbarung, indem er sich wiederholt als Autor, als Schöpfer des schicksalspielenden Jacques vorstellt und damit als Autor der heiteren Verstellung. So kommt es, daß der Fatalismus ebenso wie der den freien Willen behauptende Herr auf der Strecke bleiben, während der freie Wille des "Fatalisten" Jacques triumphiert. Weil der Humanist Diderot (wider "besseres" Wissen des Philosophen) es so will und der Dichter Diderot (mittels des Prinzips der heiteren Verstellung) es so kann. Diderots "Jacques der Fatalist und sein Herr" ist ein aufschlußreiches Exempel dafür, was die Kunst der Heiterkeit, was die Heiterkeit als Kunst vermag. Es ist ein Exempel dafür, daß der Geist der Freiheit nicht nur im Inhalt eines Werkes, sondern auch in der künstlerischen Methode stecken kann.
Dieses Buch ist mithin weder ein "geschlossener" noch ein "offener" Roman, vielmehr ist es eine Öffnung der Literatur überhaupt, und zwar vermittels eines sowohl humanistischen als auch ästhetischen Prinzips. Und darin ist es allerdings schlüssig und noch immer modern. Und allemal vergnüglich.

Bei den Polynesiern, berichtet Friedrich Gerstäker, lacht jeder über jeden, ob König oder Mann. Das war schon bei Robbespierre unmöglich. Wer da grinste, war im höchsten Grade verdächtig und des Todes. Und auch Stalins Ernst war tödlich. Der Übergang von Lenin zu Stalin war auch ein Vorgang der Verernstung, ein Rückfall in das Wesen der Klassengesellschaft. Die schlimmen Prozesse, mehr noch aber die massenhaften Verhaftungen und Hinrichtungen ohne Recht und Gericht, können von einem heiteren Menschen nicht verübt werden.

In der Klassengesellschaft, speziell aber an deren Ende, wird der Mensch in den spielenden, lernenden, arbeitenden und ruhenden unterteilt. Diese Teilung wird im Kapitalismus bis zur Zerstückelung perfektioniert und zugleich durcheinander gebracht. (Ist der Arbeitslose ruhender Mensch, oder hat er Freizeit oder was?)
Diese Zerstückelung des Menschen wird potenziert oder überlagert durch eine zweite Zerstückelung. Der Mensch ist, im Unterschied zum Tier, ein Drei-Generationen-Wesen: Er ist nicht nur Kind, sondern auch Enkelkind, und er ist nicht nur Vater oder Mutter, sondern auch Großvater bzw. Großmutter; anders würde ihm ein Moment seines Wesens fehlen und die soziale Vererbung nicht funktionieren. (Zu meiner Kinderzeit gingen noch alle drei Generationen gemeinsam zum Schlittschuhlaufen oder zum Tanzen.) Aber auch dieser Zusammenhang wird, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, zunehmend zerstört.
Diese zweifache Zerstückelung des Menschen in Altersstufen und Generationen (von der Zerstückelung in Fach- und andere Idioten ganz zu schweigen) macht ihn unfähig, etwas anderes als Stückwerk zu tun. Der Mensch ist zunehmend falsch disponiert, um etwas richtig zu sein. Und überdies ist er in allem mehr und mehr fremdbestimmt. Zur falschen Disposition kommen die falschen Bedürfnisse, selbst das Wegwerfen ist schon zum Bedürfnis geworden. Das Spielzeug ist nicht kindgemäß, es ist profitorientiert, das Lernen ist der Karriere untergeordnet, die Arbeit dem Geldverdienen, ansonsten ist sie ihm weitgehend schnuppe. Er will möglichst frei von ihr sein, die Freizeit wird ihm zum Gegenteil der Arbeit. Aber: Was ist das Gegenteil von schnuppe?
Nach all diesen Zerstückelungen, falschen Bedürfnissen und Fremdbestimmungen ist es ein positives Wunder, daß ein Mensch noch Unlust, Lebensqual, Depressionen und dergleichen empfinden kann, denn eigentlich müßte er schon längst abgestorben sein. Aber immerhin: Er hat keine Zeit, und das ist ja auch schon so gut wie tot.

Ein Kapitel für sich ist die Heiterkeit der Commedia dell'arte. Dieses italienische Volkstheater des 16. und 17. Jahrhunderts war eine Institutionalisierung von Heiterkeit. Und der gebildetste Mensch Italiens, ein Kunsthistoriker, war vier Jahre lang der Harlekin. Dieses merkwürdige, denkwürdige Phänomen bedarf der höchsten Beachtung. Das Theater der Commedia war eine vollständige Gegenwelt, eine in sich geschlossene Welt, die auf dem Prinzip Heiterkeit beruhte. Als das war es eine wunderbare und historisch wichtige Utopie. Eine Utopie, die gegen alle anderen Utopien den Vorzug hatte, daß sie auf der Bühne vorstellbar war. Und während alle anderen Utopien einer widernatürlichen, ahistorischen starren Ordnung gehorchen, war die Commedia die einzige, die alle Ordnung verwarf und der Dialektik verpflichtet war, wonach sich alles in alles verwandelt und nichts von ewigem Bestand ist. Die Hymne der Commedia war: Wir wollen sein nicht Herr noch Knecht. Denn wenn der Knecht Herr wird, ist wieder alles beim alten. Das war auch das Wesen der Heiterkeit: Sie kannte keinen Respekt, sie war ausgelassen, unbotmäßig, unbändig. Warum wurde diese wunderbare Utopie der heiteren Gegenwelt niemals als die schönste und bedeutendste aller Utopien ernstgenommen? Wenn wir diese unbotmäßige Heiterkeit der Gegenwelt nicht wiedergewinnen, die Dialektik der respektlosen Veränderung, der konsequenten Verwandlung, sind wir von vornherein verloren. Kommunismus ist konsequent zu Ende denken. Konsequent zu Ende denken kann man nur mit respektloser Heiterkeit.

Das Ende mit Schrecken

Außer der Unterteilung in klassenlose Urgesellschaft, Klassengesellschaft und klassenlosen Kommunismus unterteilt der Marxismus die menschliche Entwicklung in Vorgeschichte (Urgesellschaft und Klassengesellschaft) und eigentliche Geschichte (Sozialismus und Kommunismus), wobei, genauer genommen, der Sozialismus und die Errichtung des Kommunismus noch zum Übergang gehören. Der Übergang von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte, die eigentliche Revolution reicht folglich vom Verfall und der Überwindung des Kapitalismus über den wirklichen Sozialismus bis zur Vollendung des Kommunismus.

Zur eigentlichen Revolution gehören erstens der Prozeß der partiellen, gescheiterten oder zeitweilig gelungenen sozialistischen Revolutionen und die verschiedenen Formen des gescheiterten Sozialismus, zweitens der gelungene Sozialismus und drittens die Herstellung des Kommunismus. Danach beginnt die eigentliche Geschichte.

Ohne diesen umfassenden Begriff von der eigentlichen Revolution würde der Fehler der Oktoberrevolution, die Geschichte zu unterfordern, wiederholt. Statt der Marxschen "sozialen Revolution" geht es um die totale Revolution.

Der Übergang zur eigentlichen Geschichte verdankt seine ungeheure historische Größe nicht nur der Umwälzung aller Vorgeschichte, womit diese in kulminierter Weise aufgerührt wird (im Guten wie im Schlechten), sondern noch mehr der Notwendigkeit, sich auf die Höhe der eigentlichen Geschichte zu schwingen, was von Zwergen verlangt, Gulliver zu sein. Der Übergang von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte ist ein einmaliges Geschehnis in der Menschheitsentwicklung, vor dem alle bisherigen Revolutionen auf Zwergenmaß schrumpfen. Jedenfalls müssen wir lernen, in anderen Größenordnungen und in anderen Zeiträumen zu denken und zu handeln.

Die Datierung des Zeitraums, in dem der Affe zum Menschen wurde, die Menschwerdung ist binnen weniger Jahrzehnte von hunderttausend Jahren auf fünfhunderttausend und schließlich auf eine Million Jahre, also um das Zehnfache verlängert worden. Die Datierung des Zeitraums, in dem wir von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte übergehen, hat das gleiche Schicksal. Das römische Reich brauchte 300 Jahre, um unterzugehen. Der Kapitalismus, die Klassengesellschaft ist aber mehr als nur ein Reich. Wieviele Jahrhunderte wird der Untergang dieser Gesellschaft brauchen? Und wieviele Jahrhunderte wird die Errichtung der eigentlichen Geschichte brauchen, auch wenn das eine und das andere teilweise in einem ablaufen? Mehr als 300 Jahre? Und die andere Frage ist, ob uns die Umweltzerstörung die Zeit läßt. Ein Teil der Fachleute sagt uns einen baldigen Kollaps voraus, der andere Teil ein langes Siechtum. Bewiesen ist weder das eine noch das andere.

Die Frage, kam der Sozialismus in Rußland zu früh oder wäre er wo anders glücklicher gewesen ist klar beantwortbar: Der Sozialismus ist bei den ersten Versuchen nie reif, er kommt immer zu früh. Deshalb braucht er mehrere Anläufe, und welcher der glückliche ist, kann vorher keiner sagen. Jedenfalls sollte man dem Land oder den Ländern, die nach der dummerweise ungeplanten Niederlage als erste wieder den Sozialismus wagen, Rabatt einräumen.

Bruchrechnung
Die meisten, wenn nicht alle Unternehmungen mit großer Zukunft begannen mit Bruchlandungen, nicht nur Otto Lilienthal. Auch Spartakus, Columbus, Müntzer, die Theorie der Urzeugung, des Weltäther, Zeppelin. Auch der Kapitalismus macht da keine Ausnahme. Robespierre und Napoleon sind nur die eklatantesten Beispiele. Allein der Sozialismus soll mit der ersten Bruchlandung für alle mal klein beigeben. Dabei ist er die Unternehmung mit der größten Zukunft und die allerschwierigste dazu. Da wird es mit einer Bruchlandung nicht getan sein.

Bocksprung mit Klumpfuß oder Die Ungnade der frühen Geburt
Der "reale Sozialismus" war ein Bocksprung der Geschichte, und dann auch noch mit einem teuflischen, alias Stalinschen Klumpfuß. Diese Paradoxie einer Paradoxie ist von irrwitziger Tragik, liefert am Beginn der grundlegenden Neuordnung aller gesellschaftlichen Entwicklung aber auch eine unschätzbare Welterfahrung. Das sagt alles über den diesmaligen Sozialismus, und es sagt nichts über den nächstmaligen Sozialismus.

Die Partei und der Sozialismus sind sich wesensfremd. Die Autonomie der Persönlichkeit, die Autonomie des Individuums, die totale Integrität des einzelnen Menschen ist das Wesen, das Ziel des Sozialismus, wenn auch nur als gesetzmäßige Tendenz. (Erreicht wird dieses Ziel erst im Kommunismus.) Die Partei dagegen ist Disziplin, Unterordnung, Verallgemeinerung des individuellen Willens, demokratischer Zentralismus (im besten Falle). Das ist die hauptsächliche Form der Paradoxie der sozialistischen Parteien. Wenn die Partei diesen Widerspruch nicht auflöst, mindestens indem sie ihn als Gefahr erkennt, ständig überwacht, und, wenn schon nicht überwindet, so doch im Zaume hält, wird der Sozialismus zum "realen Sozialismus" und stirbt schließlich an diesem Widerspruch.

Die für die Partei typische Hierarchie, die daraus folgende Tendenz zum Karrierismus, zum Personenkult, zu Machtkämpfen, zur Verwaltung des Menschen durch den Menschen, zur Spaltung in Belehrende und Belehrte und die Animierung der allgemeinmenschlichen Schwächen als Schmiermittel drängt jede Partei in den bürgerlichen Morast.

In der bürgerlichen Gesellschaft hat sich spontan eine Parteienstruktur und -funktion herausgebildet, wie sie der bürgerlichen Gesellschaft dienlich ist. Und die sozialistischen Parteien haben sich, ohne es zu wissen, in dieses System hineinbegeben und sind sein Gefangener geworden. Sie spielen das Spiel des bürgerlichen Parlamentarismus, der "Parteiendemokratie" mit, ohne zu ahnen, daß sie damit ein bürgerliches Spiel spielen. Damit übernimmt die sozialistische Partei die Verernstung der Klassengesellschaft.

Der "reale Sozialismus" ist an der Verbürgerlichung der sozialistischen Parteien und ebenso an der Unterforderung der Gedichte gescheitert. Diese Unterforderung kann nur durch die Vorahmung des Sozialismus/Kommunismus vermieden werden.

Seit ihrer Existenz erschöpft sich die PDS 1. im Wahlkampf, 2. im Kampf um Regierungsbeteiligung und 3. darin, sich (die Partei) für diese Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung geeignet zu machen. Und so in Frankreich und in Italien und in Schweden. Und wo nicht?

Offener Brief an den Bundesvorstand der PDS
Liebe Genossinnen und Genossen, mein letzter Essay, erschienen in der Zeitschrift Z., endete mit dem Satz: "Ein ernster Marxist ist ein Widerspruch in sich." Das Gegenteil von "ernst" ist nun aber nicht "unernst". Dann wärt Ihr ja fast Marxisten. Zur Sache: Der eine Teil von Euch ist eifrig damit beschäftigt, die PDS zugrunde zu richten, der andere Teil ist ebenso eifrig damit beschäftigt, nichts dagegen zu tun. Was ich hier erhebe, ist der schwerste Vorwurf, der dem Vorstand einer Partei gemacht werden kann.
9.9.1996

Der Rückfall in die Bürgerlichkeit ist in seinen sehr unterschiedlichen Formen nicht immer leicht als Rückfall zu erkennen. Ein Beispiel sind die entsetzlichen Kapriolen Maos. Der große Sprung hatte einige Millionen Tote zur Folge, und die Folge der Kulturrevolution war schließlich die schlimmste Verbürgerlichung in Form der Politik Dengs. Obwohl, wie die Ironie der Geschichte so spielt, Mao mit der Kulturrevolution einen, allerdings verqueren, Schlag gegen die Verbürgerlichung führen wollte. Und wenn Chruschtschow in 10 Jahren die USA im Lebensstandard eingeholt und in 20 Jahren den Kommunismus errichtet haben wollte und Nowotny dasselbe auf eigene Faust in seinem Zwergenland CSSR, so war das nichts als saublöde kleinbürgerliche Kraftmeierei. Hinwiederum jonglierten Breshnew und Honecker mit der Zauberformel "materiell-technische Basis des Kommunismus", die sie zwar (nach Vorarbeit Chruschtschows) selber erfunden, aber nie begriffen hatten, was auch nicht ging, da sie absolut ohne Inhalt war. Trotzdem wollte Honecker nach eigener Aussage sie zu Lebzeiten noch erreichen.

Unsere großen Führer nach Lenin waren fast ausnahmslos dumme Auguste, aber auf den Brettern der wirklichen Welt. Die traditionelle Vorstellung, daß das Komische nicht mächtig und das Mächtige nicht komisch sein kann, entspricht nicht der Wirklichkeit. Die obengenannten Kapriolen sind der schreckliche Beweis.

Wunsch und Wirklichkeit
Als ich nach dem Einmarsch in die CSSR und dem Ende des "Prager Frühlings" von einem schockierten Bekannten gefragt wurde, was ich dazu sage, sagte ich, daß der Einmarsch bedeutend früher hätte geschehen müssen. Der Bekannte war noch mehr schockiert. Ich erklärte ihm, daß der Einmarsch vor Dubcek, nämlich zur Zeit seines superdogmatischen Vorgängers Novotny hätte stattfinden müssen. Da hätte alle Welt mit offenem Munde dagestanden. Und die Weltgeschichte wäre in der sozialistischen Ordnung gewesen. Aber solche "Einmärsche" sind bis heute ein frommer Wunsch. Weil auch die sozialistische Politik ohne Humor ist.

Wo bleibt die Offenbarung des merkwürdigen Phänomens, daß der "reale Sozialismus" das Beste war, was es für den Kapitalismus geben konnte. An einem wirklichen Sozialismus wäre der Kapitalismus gescheitert, und ohne allen Sozialismus, wie heute, ist er auf sich selbst und damit auf seine zunehmende Verblödung zurückgeworfen. Nur der "reale Sozialismus" hat den Kapitalismus zu der ihm dienlichen Verfassung gezwungen, hat ihm die passende Strategie verschafft.

Ist der Mensch eigentlich, von Natur aus, gut? Diese Frage ist vom Standpunkt des Marxismus aus unerlaubt. Wenn das Sein das Bewußtsein, die Verhältnisse das Verhalten des Menschen bestimmen, ist er in Zeiten der Urgesellschaft ein anderer als in Zeiten der Klassengesellschaft, ist der Imperialist ein anderer als der Arbeitslose. Einen (moralischen) Urtyp des menschlichen Charakters gibt es nicht. Typisch ist vielmehr seine Anpassungsfähigkeit, im guten wie im schlechten Sinne.

Die soziale Vererbung, die kreative Aneignung der Vergangenheit hat ihr dialektisches Gegenstück in der Vorahmung der Zukunft.

Wichtiges wird nicht und Verkehrtes wird verkehrt gewertet. Aber das ist die bisher typische Verwertung unserer Geschichte, die bisherige Art der sozialen Vererbung. Im Unterschied zur individuellen, ontogenetischen, genetisch-biotischen Vererbung des Menschen funktioniert die philogenetische, die soziale, die Vererbung des Menschen als Gattungswesen zufällig, spontan, sporadisch, unproduktiv, äußerlich, unpraktisch und auch noch dauernd anders. Und schließlich funktioniert sie nach dem Wegwerfprinzip. Das heißt: Die soziale Vererbung ist nicht dem Menschen als Gattungswesen angemessen, angepaßt. Sie hat nicht die Methode, um sein Gattungswesen zu entwickeln, um ihn als Gattungswesen zu entwickeln. Sie ist vormenschlich, vorgeschichtlich. Wenn wir die positiven Elemente unserer Geschichte nicht akkumulieren, aufheben, verwerten und die negativen nicht kritisch verarbeiten, bleiben wir unfähig, die Vorgeschichte zu überwinden und die Zukunft, die eigentliche Geschichte zu gewinnen.

Natürlich ist die soziale Vererbung nur in einem unerbittlichen und konsequenten Kampf durchzusetzen. Ihre Gegner sind so brutal, skrupellos und hinterlistig wie die zu überwindende Welt. Das eine ist das andere.

Ein weiteres Hindernis, aus der Unmündigkeit herauszutreten, ist der Mangel an sozialer Vererbung. Der Erfahrungsschatz der menschlichen Geschichte wird, statt ihn sinnvoll zu verwerten, je nach politischem Kalkül entweder verschwiegen, verfälscht oder nach momentanen Bedarf aus seinem Zusammenhang gerissen und manipuliert.

Wenn die Aufklärung geistige Befreiung ist, kann sie nicht ohne das Mittel auskommen, das von allen Mitteln das befreiendste ist: die unbotmäßige Heiterkeit. Nicht die höfliche, loyale, feige, systemkonforme Heiterkeit ist hier gemeint, sondern die rebellische, respektlose, ungehörige, systemsprengende Heiterkeit, vor deren Richterstuhl nichts, aber auch gar nichts Bestand hat. Aber wie zu ihr kommen, gerade jetzt? Eben jetzt, denn: Die ernstesten Zeiten bedürfen der größten Heiterkeit.

Der gegenwärtig in Mode gekommene Unglaube an die Möglichkeit einer grundsätzlich besseren Zukunft rührt nicht daher, daß diese Zukunft eine Illusion ist, sondern daher, daß die Gegenwart eine Misere ist. Die gegenwärtige Welt ist auch deshalb in der miserablen Verfassung, weil das perspektivische Denkvermögen in der miserablen Verfassung ist. Die Misere des Denkens in die Zukunft ist nicht das Problem der Zukunft, sondern der Gegenwart.

Das zwanzigste Jahrhundert wird einmal befunden werden als das sittlich verkommenste, weil das politisch verkommenste. Es sei denn, das einundzwanzigste ist eine lineare oder gar gesteigerte Fortsetzung. Die politischen Parteien sind, wenn auch mit Unterschieden, Ursache und Resultat dieser Verkommenheit. Daher kann keine einzige Partei die Lösung sein. Nicht eine einzige und schon gar nicht alle miteinander. Wie sollen sie über die Übel der Welt aufklären, sind sie doch selber ein Übel dieser Welt.

Die Verlogenheit und die unhaltbaren Versprechungen von Stalin bis Gorbatschow und von Ulbricht bis Honecker sind so stinkbürgerlich wie die blühenden Landschaften und die Halbierung der Arbeitslosigkeit von Helmut Kohl. Wann endlich wird ein bürgerliches "systemübergreifendes" Lügenlexikon zusammengestellt? Ein solches Lexikon würde den sittlichen Untergang des "realen Sozialismus" und den sittlichen Untergang des "Abendlandes" als eine gemeinsame Schande offenbaren.

Irre an die Macht! Da sind sie ja schon
Die Nazis hat man in der Bundesrepublik ungestraft laufen lassen. Das war ein Fehler, sagt man jetzt, und den will man nicht noch einmal machen, deshalb werden die Sozialisten bestraft. Abgesehen von der Ungeheuerlichkeit, die Nazis und ihre konsequentesten Gegner, die Sozialisten, einander gleichzusetzen, werden die Nazis noch immer mit Ämtern, Pensionen, Kasernennamen und auf andere Weise geehrt, sogar als Ehrenmitglieder der CDU.
Wenn man den Fehler nicht noch einmal machen will, warum macht man ihn immer noch?
Das ist die "Logik" von Irrenhäuslern. Nur sitzen die nicht unter der Aufsicht von Ärzten in Kliniken, sondern an den Hebeln der Macht.

Wenn die einen selber tun, was sie anderen fälschlich vorwerfen
Wie will man etwas amnestieren, das 1. längst verjährt ist und 2. nie strafbar war? Aber 3. noch immer bestraft wird! Das ist Irrsinn hoch drei. Ich denke an die IM, die ein Papier unterschrieben und niemals jemandem ein Leid getan haben. Sie wurden und werden, sobald man sie denunziert hat, diskriminiert und wo möglich aus der Arbeit vertrieben.
Und die zu Hexenjägern gewordenen Bürgerrechtler sind ganz ungeheuer gegen alle Amnestie. Das ist Irrsinn hoch vier.
Und da sollen sich die IM offenbaren. Als was und wem? Als "Hexen" den Hexenjägern? Das wäre Irrsinn hoch fünf!

Ecuadors wegen "geistiger Unzurechnungsfähigkeit" gestürzter Präsident Abdala Bucaram wurde überdies wegen Bereicherung bei der Ausschreibung öffentlicher Projekte zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Da hat das Land noch Glück gehabt. Wäre der Mann zurechnungsfähig, hätte er sich wohl bei der Bereicherung nicht erwischen lassen und wäre auch als Präsident im Amt geblieben.
Was soll man da den Menschen im Kapitalismus als Obere wünschen?

Vor uns türmt sich ein ungeheurer Wall von Lüge und Heuchelei, von geistiger und sittlicher Verdorbenheit. Dieser Wall wird immer höher und immer schwerer zu durchdringen. Der einzelne steht hilflos vor ihm. Und er ist sich seiner Verlorenheit und Verdorbenheit nicht einmal bewußt. Das Verderblichste an den jetzigen Verhältnissen ist, daß sie alle Bestrebungen, der menschlichen Vernunft Geltung zu verschaffen, als unerreichbare Illusionen denunzieren. Auf diese Denunziation, daß alle Vernunft Illusion sei, fallen selbst Linke haufenweis herein. Dabei ist der gegenwärtige Tiefpunkt der Geschichte, der sie so irritiert, doch nur ein Irrtum der Geschichte.

Trotz aller Bildung ist die Unselbständigkeit des politischen Denkens erschreckend; sie ist das gewollte Resultat eines Dschungels von Irritationen und eines unentwirrbaren Geflechts von Lügen. Angesichts dessen erscheint Kants Aufforderung "Habe Mut, dich des eigenen Verstandes zu bedienen", als schlimmer Hohn. Die Zweite Aufklärung muß uns von einer erdrückenden Last von alten oder falschen Vorstellungen und Vorurteilen befreien, von billigen Denkmustern und Kanonisierungen, von Prestigedenken und Manipulation. Von den Voreingenommenheiten und Sehgewohnheiten, die sich zwischen Wahrheit und Wirklichkeit geschoben haben. Und sie muß uns befreien von einer Sprache, die zu lange der Unwirklichkeit des Gedankens gedient hat, um noch die natürliche Verbindung zwischen Menschen sein zu können. Und sie muß die bereits gefunden Wahrheiten von ihrer Verschüttung und Verleumdung befreien.

Der Millionär und der Obdachlose sind nach bürgerlichem Gesetz frei. Wie frei? Gleich frei? Der Obdachlose darf die Universität besuchen. Woher hat er die Hochschulreife? Er darf Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika werden. Woher nimmt er die Millionen Dollar für die Wahlkampfkosten? Der Obdachlose darf die Bayreuther Festspiele besuchen. Es sei denn, er stinkt zu sehr. Obdachlose stinkend gewöhnlich ja fürchterlich. Aber vielleicht will er gar nicht nach Bayreuth. Was einer nicht will, das muß man ihm ja auch nicht verbieten. So offenbart sich uns die erhabene Größe der bürgerlichen Freiheit: Wer nicht nach Bayreuth will, darf stinken.

Die Verkommenheit dieser Welt und die Verlorenheit dieser Welt scheinen unüberbietbar. Doch sie steuert weiter auf dem Weg ins Chaos, in den Abgrund. Wir sind noch lange nicht in der Talsohle angelangt.

Und wenn die Sklavenhaltergesellschaft oder die Oktoberrevolution ein Irrtum waren, so waren sie doch auch kostbare Perlen der Geschichte, ohne die es keine Geschichte gibt. Und wer kann schon sagen, ob die Geschichte mit dem Untergang des Sozialismus nicht einen Irrtum begangen hat? Und wenn es auch nur der "reale" war.

Da die Verdorbenheit des Menschen weitgehend unbewußt ist, leiden selbst die bewußten Kommunisten unter ihr. Auch deshalb sind die ersten Revolutionen unvermeidlich eine Unterforderung der Geschichte.

Die Kümmerlichkeit unserer Vorahmung der eigentlichen Geschichte ist ein weiterer Grund der unvermeidlichen Unterforderung der Geschichte durch die ersten Revolutionen.

Wenn die Vorgeschichte schon voller Irrtümer ist, so ist es der Übergang zur eigentlichen Geschichte noch mehr. Er könnte die Komödie der Irrungen genannt werden. Oder ebenso sehr die Tragödie der Irrungen. Ich rede von der Zeit, in der wir leben.

Die eklatante Verletzung eines Gesetzes der Natur, des Gesetzes der Anpassung, der Einheit von Mensch und Natur als Folge der Verletzung des gesellschaftliche Gesetzes der Harmonie von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen findet nur einmal statt. Es ist die Probe darauf, ob der Mensch eine Fehlleistung der Natur ist oder nicht.

Die Arbeiterklasse ist die langsamste und die schnellste Klasse, und sie ist die vergeßlichste. Wie lange braucht sie noch, um die 150 Jahre alte Losung: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! zu verwirklichen? Und am 17. Juni war sie so schnell wie beim Kapp-Putsch: mal links mal rechts. Und was Kapitalismus ist, muß sie wohl noch neunundneunzigmal erfahren, um es nicht noch hundertmal zu vergessen.

Druck erzeugt nicht nur Gegendruck, vor allem erzeugt er Gedrücktsein. Alle guten Eigenschaften der Arbeiterklasse werden niedergedrückt und alle schlechten Eigenschaften des Kapitalismus werden ihr aufgedrückt. Und was der Druck nicht erreicht, erreicht die Korrumpierung.

Die erwachsene Heiterkeit

Das Ende der Welt
(Tacitus)

Im Norden der Suionen liegt ein anderes Meer, träge und fast ohne Bewegung. Die Annahme, es schließe den Erdkreis ringsum ab, findet ihre Bestätigung dadurch, daß der letzte Schein der bereits sinkenden Sonne stets so hell bis zu ihrem Wiederaufgang weiterleuchtet, daß er die Sterne überstrahlt. Außerdem ist, so glaubt man noch, das Klingen der aus dem Meere auftauchenden Sonne zu hören und sind Umrisse von Pferden und ein strahlenumkränztes Haupt zu sehen. Hier ist - und das darf man glauben - das Ende der Welt.

Noch vor gar nicht allzu langen Jahren
war die Vorstellung von dieser Welt
sehr beschränkt.

Heut' dagegen wird zum Mars gefahren,
und die Venus selbst ist
stark bedrängt.

Unter Vorbedingung dieses Dreistes -
um die Hoffnung ist's nicht
schlecht bestellt,

daß als "wesentliche Form des Geistes"
uns die Heiterkeit bald
leichter fällt.
Herein, ihr Narrenvolk!

In vielerlei Gestalt
verkappt sich Narrenheit
und treibt ihr böses Spiel
noch immer weit und breit.

Die Narrheit stellt sich weise
und lebt auf großem Schuh.
Die Weisheit steht daneben
und drückt ein Auge zu.

Die Weisheit ist nichts nutze,
wenn sie nicht Narren bleut.
Die Kappe reißt vom Kopfe
den Narren hier und heut!

Herein, ihr Narrenvolk!
Und schön der Reihe nach.
Verdrückt euch nicht, es trifft
euch doch, der Narrenschlag.

Am vielen Lachen erkennt man den Narren. Das ist eines der am wenigsten gebrauchten Sprichwörter. Nicht zu Unrecht. Vom tierischen Ernst hingegen ist häufiger die Rede. Und das zu Recht. Wann wird denn schon zu viel gelacht? (Eher kommt es vor, daß an der verkehrten Stelle gelacht wird.) Und wenn ja, was schadet es? Der tierische Ernst aber, die Humorlosigkeit ist überall und immer anzutreffen. Und der Schaden, den sie anrichtet, ist beträchtlich. Daher sollten wir dankbar sein für alles, was unser für das Lachen zuständiges Organ ausbildet und was dazu dient, uns eine der menschlichsten Äußerungen, nämlich das Lachen, den Spaß, die Heiterkeit, den Humor ins Bewußtsein zu heben.

Als einmal die Beobachtung gemacht wurde, daß der heiteren Helden der Menschheit, wie Till Eulenspiegel und seinesgleichen, weit weniger gedacht werde als der ernsten Helden, obgleich sie doch, was man von den ernsten nicht immer sagen könne, niemals einen Menschen ernstlich in Gefahr gebracht hätten, meinte Nepomuk:
"Wenn wir der heiteren Helden mehr gedächten, so könnten sie die ernsten durchaus in Gefahr bringen."

In jedem Haushalt, der etwas auf sich hält, ist ein Kochbuch zu finden. Überdies spricht man häufig vom Essen. Im Lebensmittelladen, im Treppenhaus und bei anderer Gelegenheit tauschen Frauen Rezepte aus. Der Kochkunst geht es gut. Wie aber steht es um die Lebenskunst? Im Treppenhaus ist nicht die Rede von ihr, auch bei anderer Gelegenheit nicht, und ein Buch über sie ist in keinem Haushalt zu finden. Hält man nichts von ihr? Die Antwort fällt schwer. Man müßte wissen, was unter Lebenskunst zu verstehen ist.
Welche Kenntnisse setzt sie voraus? Weltkenntnis? Sicherlich. Nämlich die Kenntnis der natürlichen und gesellschaftlichen Gesetze dieser Welt. Darüber hinaus aber die Erkenntnis, daß diese Gesetze nicht Selbstzweck, sondern objektive Mittel zum Zwecke des Menschen sind. Er ist ihnen nicht Untertan, nicht ihr Objekt, sondern erhebt sich mittels ihrer zum Subjekt (zum Beherrscher seiner Verhältnisse und seiner selbst). Und das Bewußtsein dessen stimmt heiter.
Heiterkeit ist die unvermeidliche (weil natürliche) Folge des wirklichen (weil gesellschaftlichen) Selbstbewußtseins des Menschen, des Bewußtseins seiner historischen Souveränität. Und schließlich ist sie die adäquate Form dieses Bewußtseins. Aber nicht allein das. Einmal genossen, wird sie zum erstrebenswerten Zustand. Und sie als das bewußt zu machen, bewußt zum Ziel zu machen, ist Aufgabe der Lebenskunst. Indem sie jedoch die aus historischer Souveränität erwachsende Heiterkeit zum bewußten Ziel macht, macht sie auch bewußt, daß erwachsene Heiterkeit historische Souveränität voraussetzt. Sie kann nicht als eingebildeter, sondern nur als unter Voraussetzungen erworbener Zustand genossen werden, womit sie sich als Stimulans historischer Souveränität kultiviert. Aber darin hat sich der tiefere Sinn unserer Heiterkeit noch nicht erschöpft. Wenn der Mensch, um seine Souveränität, seine menschliche Überlegenheit zu wahren, die Gesetze als objektiv, zugleich aber als Mittel zum Zwecke seiner selbst wahrnehmen will, muß er sich nach den Gesetzen richten, zugleich ober die Gesetze auf sich richten, also zwei einander genau entgegengesetzte Verhaltensweisen zeigen. Er muß die Gesetze ernst nehmen und sie zugleich im Gegensatz dazu -. Ja, was ist der Gegensatz zum Ernst? Doch wohl Heiterkeit. Ohne sie ist die dialektisch diffizile Fähigkeit, sich den Gesetzen zu fügen und zugleich die Gesetze sich zu fügen, nicht möglich. Ohne die dialektische Identität von Ernst und Heiterkeit verfällt der Mensch entweder dem tierischen Ernst (bloße Richtung auf die objektive Realität) oder der albernen Heiterkeit (bloße Richtung auf sich selbst). In jedem Falle aber geht er seiner geistigen Überlegenheit, seiner Spezifik als menschliches Wesen verlustig. Die Identität von Ernst und Heiterkeit ist das Regulativ des psychischen Menschen. Oder, um es endlich beim Namen zu nennen: Die Identität von Ernst und Heiterkeit, der in Heiterkeit aufgehobene Ernst, ist das spezifische Gesetz des Menschen als psychisches Wesen. Es beantwortet schlüssig und endgültig die alte Frage, ob der Mensch (um seine Überlegenheit zu wahren) das Leben mit Abstand genießen soll, gleich dem Zuschauer im Theater, der das Schauspiel vor sich abrollen läßt, oder ob er (um seine gesellschaftliche Pflicht wahrzunehmen) aktiv und unmittelbar am Leben teilhaben, in es eingreifen soll. Das Gesetz des psychischen Menschen verbindet beide Verhaltensweisen, indem es ihm im Ernst mit dem Leben, der Wirklichkeit verbindet, ihm aber zugleich heitere Distanz, souveräne Überlegenheit verleiht. Die bis dahin sich ausschließenden Gegensätze von unmittelbarer Anteilnahme und bewahrendem Abstand sind im Gesetz der Identität von Ernst und Heiterkeit als zwei zusammengehörige Seiten des richtigen menschlichen Verhaltens eingeschlossen. Als vom Willen des Menschen unabhängiges, objektives Gesetz regelt es die Einheit von allgemeinem und individuellem Interesse und verwirklicht den Sinn des Lebens, Genuß an ihm zu haben, denn ohne Genuß hat es keinen Sinn. Und als solches ist das Gesetz des psychischen Menschen eigentlicher Gegenstand und Inhalt der Lebenskunst.
Wie jedes objektive Gesetz hat auch unser Gesetz neben seiner systematischen Struktur (Identität von Ernst und Heiterkeit) seine historische Struktur. Es unterliegt (als spezielles Gesetz) den allgemeineren gesellschaftlichen Gesetzen, indem es logisch analog der Folge der Produktionsweisen (Urgesellschaft, Klassengesellschaft, Kommunismus) von der naiven Heiterkeit (Position) über die Trennung in bloßen Ernst und bloße Heiterkeit (Negation) zur bewußten Identität von Ernst und Heiterkeit (Negation der Negation) aufsteigt.
Und wie jedes objektive Gesetz hat es seinen ihm eigenen, aus seiner systematischen und historischen Struktur stammenden Widerspruch. Indem im Ernst objektive Wirklichkeit stets neu erfaßt oder neue Wirklichkeit erfaßt wird, muß er ständig auf neue Art in Heiterkeit aufgehoben werden. Mithin realisiert sich der treibende innere Widerspruch in der ständigen Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit. Und eben darin besteht auch die lebendige Konkretheit der Lebenskunst, ihre Notwendigkeit, die von ihr zum bewußten Ziel gemachte Heiterkeit stets aus der ernstgenommenen Wirklichkeit zu nehmen und sie immer wieder an der sich verändernden Wirklichkeit zu überprüfen.
Es versteht sich von selbst, daß die hier verwendeten Begriffe Ernst (genauer: Ernsthaftigkeit) und Heiterkeit nicht mit den gleichlautenden landläufigen Begriffen identisch sind, die lediglich private Charaktereigenschaften bezeichnen. Als Komponenten eines gesellschaftlichen Gesetzes sind sie historische Größen. In der Verwirklichung dieses Gesetzes werden sie jedoch zur spezifischen Eigenschaft des menschlichen Charakters, womit er historische Größe erlangt.
In jedem Haushalt, der etwas auf sich hält, ist ein Kochbuch zu finden. Der Kochkunst geht es gut. Wie aber steht es um die Lebenskunst? Ein Buch über sie ist in keinem Haushalt zu finden, und im Treppenhaus ist nicht die Rede von ihr. Verdient sie dieses Dasein? Ihr Nicht-Dasein?
Sie ist möglich, sobald das Gesetz des psychischen Menschen erkannt ist. (Und es ist kein Zufall, daß es an der Schwelle zur dritten Stufe seiner historischen Struktur erkannt wurde.) Und die Lebenskunst ist notwendig, dieses Gesetz zu verwirklichen. Solange sie jedoch nicht als übliche Sitte, als gesittete Übung in den Alltag eingegangen ist, kann von ihr nicht die Rede sein.

Ernst und Heiterkeit sind natürliche Gegensätze. Der absolutistische Ernst und die soziale Heiterkeit aber sind Todfeinde. Die Heiterkeit steht für den Sinn des Lebens, für Leben und Lebendigkeit, für Menschentum, für die Richtigkeit der Welt. Der Ernst steht für Rollenspiel, für die Verwaltung des Menschen durch den Menschen, für soziale Ungleichheit, für die verkehrte Welt. Ernst und Heiterkeit stehen nicht nur für entgegengesetzte Welten, sie sind entgegengesetzte Welten, sind Tod und Leben und kämpfen auf Tod und Leben miteinander. Und wo die eine Seite die Herrschaft erlangt, wird die andere dem Scharfrichter überliefert. Hier geht es um alles. Und darum ging es der Commedia dell' arte. Anders sind der tiefe Sinn, die umfassende Konzeption dieses Theaters nicht zu verstehen; anders ist seine ungeheure Heiterkeit, eine in der Klassengesellschaft einmalige Heiterkeit des Theaters, anders ist die Einmaligkeit der Commedia dell' arte nicht zu verstehen. Und anders ist nicht zu verstehen, daß die Commedia die Schlacht verlieren mußte. Sie trat gegen einen übermächtigen Gegner, sie trat gegen den an der Macht befindlichen Ernst, gegen die verkehrte Welt an. Aber sie vertrat eine untötbare Kraft: die Heiterkeit. Und sie hat dieser Heiterkeit unsterbliche Gestalt gegeben. Daher ihr ständiges Wiederaufleben. Und, solange der Gegner übermächtig ist, ihre erneuten Niederlagen. Und, sobald die verkehrte Welt ausgespielt hat, ihr endgültiger Sieg.

Da wir noch der Klassengesellschaft verhaftet sind, können wir nur bedingt die Heiterkeit gewinnen, wie sie in der Zukunft selbstverständlich sein wird. Natürlich müssen auch da ernste Probleme ernst genommen werden, aber durch einen in Heiterkeit aufgehobenen und dadurch von seiner Borniertheit und Menschenunfreundlichkeit befreiten Ernst. Erst als das befähigt er uns, ernste Probleme auf menschliche Art zu bewältigen. Daher sollten wir, soweit es uns gegeben ist, allerdings schon heute den Ernst in Heiterkeit aufheben.

Nicht der Witz eines einzelnen, sondern die Heiterkeit als Grundhaltung muß von der Partei vorgeahmt werden. Sie muß dauernd zu heiteren Aktionen, Unternehmungen, Veranstaltungen anregen. Sie muß durch Heiterkeit politisch provozieren, aber auch ihre Mitglieder durch heitere Unterhaltung und heitere Politik amüsieren. Ein ernstes Gesicht muß einen Lachanfall auslösen. Die gegnerischen Parteien müssen vor Neid erblassen und vor Unverständnis Gänsehaut kriegen und an die Stelle ihrer Vorsitzenden Nervenärzte setzen. Ich übertreibe.

Für Spiel und Heiterkeit gibt es genug Potenzen, sie müssen nur animiert werden. Traditionell sich entwickelnde Begegnungsstätten aller Formen müssen Künstlern, Politikern, Wissenschaftlern und anderen die Gelegenheit geben, Heiterkeit zu produzieren. Aber statt dessen werden diese Potenzen ignoriert oder unterdrückt. Sie sind dem Dirigismus ein Ärgernis. Dabei wären sie ein wesentlicher Beitrag zur Natürlichkeit, zur Vernatürlichung der Politik in Inhalt und Form.

Wo wird Witz und Heiterkeit kultiviert, nicht nur im Benehmen, in den Sitten, im menschlichen Umgang, in der Sprache, sondern vor allem in den Handlungen? Wo wird Spaß und Einfallsreichtum provoziert und geübt? Statt dessen werden die Parteien je älter desto trübsinniger.

Heute sind wir noch immer entweder ernst oder heiter. Dabei wird das eine wie das andere vollkommen erst durch die wirkliche Verschmelzung beider, auf die einige Leute allerdings schlecht zu sprechen sind, weil sie nicht wissen, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollen.

Um dem Ernst dieser Welt nicht zu unterliegen, muß Vorahmung der Heiterkeit als Gegenwelt gewonnen werden.

Eine Erscheinung, die von der Urgesellschaft über die Klassengesellschaft bis zum Kommunismus reicht, kann nicht aus einem Teil der Geschichte begriffen werden, will man nicht zu Kurzschlüssen kommen. Der Ethnologe Henri Morgen wußte um diese Gefahr, als er davor warnte, die Klassengesellschaft (von ihm Zivilisation genannt) zum Maß aller Dinge zu machen: "Die seit Anbruch der Zivilisation verflossene Zeit ist nur ein kleiner Bruchteil der verflossenen Lebenszeit der Menschheit; nur ein kleiner Bruchteil der ihr noch bevorstehenden." Ein kleiner Bruchteil kann nicht Maß des Ganzen, er kann nicht einmal Maß seiner selbst sein.

Auszüge aus dem Denkspiel "Kantine"
Das Vierte Paradoxon der Kunst
Der allzu große Ernst, heißt es, ist lächerlich. Welcher Ernst ist nicht lächerlich? Der nicht allzu große? Der mittlere? Was überhaupt ist Ernst? Kennzeichnet er den tiefer veranlagten Menschen und steht, verglichen mit der Heiterkeit, höher? Oder ist der Ernst heruntergekommene Heiterkeit? Das wäre denkbar.
Karl Marx sagt: Heiterkeit ist die wesentliche Form des Geistes. Danach wäre der Ernst eine unwesentliche Form, wenn nicht gar eine Deformation des menschlichen Geistes. Es sei denn, unser Geist hat die ihm wesentliche Form, die Form der Heiterkeit, noch gar nicht angenommen. Dann wäre der Ernst eine Vorform des menschlichen Geistes. Das aber ist eine historische Frage, es ist die Frage nach der Geschichte der psychischen Verfassung des Menschen, nach der Gesetzmäßigkeit dieser Geschichte. Und da haben wir wieder eine der Fragen, die schlaue Leute nicht stellen, bevor sie die Antwort wissen.
Immerhin sollten wir wissen, daß die bis heute aufgedeckten Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Entwicklung die Frage nach unserer psychischen Entwicklung offenlassen. Die uns bekannten Gesetze erklären lediglich die Entwicklung der materiellen Verfassung der Gesellschaft und das Verhältnis von Materiellem und Ideellem. Sie erklären nicht die eigene Entwicklung des Ideellen. Die Entwicklung der psychischen Verfassung des Menschen, die Eigengesetzlichkeit der menschlichen Psyche muß erst noch aufgedeckt werden. Wir tun dies, indem wir von vorn anfangen, bei unseren Altvordern, den Naturvölkern.
Die urgesellschaftlichen Produktionsverhältnisse sind uns wohlbekannt, die haben wir in der Schule gelernt. Was aber haben wir vom psychischen Verhalten dieser Völker gelernt? Die Gentilverfassung ist uns gegenwärtig, die Gemütsverfassung der Menschen dieser Zeit dagegen ist uns nicht gegenwärtig. Ist das nicht wichtig? Ist das nicht das eigentlich Wichtige? Geht es nicht letzten Endes darum, wie uns zumute ist? Wie uns einmal zumute sein wird? Also auch, wie uns einstmals zumute war. Denn wie uns einmal war, so wird uns einmal auch wieder sein. Und das auf höherer Stufe. Das ist gesetzlich gesichert, durch das Gesetz der Negation der Negation.
Daher stimmt es uns zuversichtlich, wenn wir erfahren, daß wir einmal eine heitere Gesellschaft waren.
Heiterkeit war, so unglaublich es auch klingen mag, die dauernde und allgemeine Gemütsverfassung der Naturvölker: nicht nur der Südseeinsulaner, sondern auch der nordamerikanischen Indianer (zu ernsten Helden wurden sie erst durch uns gemacht), nicht nur der Pygmäen, sondern auch der Eskimo. Anderslautende Auffassungen, mögen sie noch so verbreitet sein, entsprechen nicht dem wirklichen Tatbestand, darin sind sich alle gewissenhaften Forscher einig. Nicht einig sind sie sich in der Erklärung dieses Tatbestandes. Die einen behaupten, die Heiterkeit habe sich gebildet, weil ohne sie der Erbarmungslosigkeit der Natur nicht hätte widerstanden werden können; andere wiederum erklären die Heiterkeit aus der Freigebigkeit der Natur. Offenbar schließen sich diese Erklärungen gegenseitig aus. Die Logik hingegen besagt: Eine allen Naturvölkern gemeinsame Wesensart kann nur aus einer allen gemeinsamen Bedingung erklärt werden, und die allen Naturvölkern gemeinsame Bedingung ist die gesellschaftliche Gleichheit. Nicht ihr Verhältnis zur Natur, sondern das Verhältnis der Menschen zueinander bedingt ihre Wesensart. Und die heitere Wesensart findet ihre Bedingung in der gesellschaftlichen Gleichheit, genauer: in der auf gesellschaftlicher Gleichheit beruhenden Freiheit. Die Richtigkeit dieser Erklärung erweist sich auch dadurch, daß die Naturvölker ihre Heiterkeit verloren, sobald sie ihrer Freiheit verlustig gingen.
Die Heiterkeit stirbt an der Klassengesellschaft. An ihre Stelle tritt der Ernst. In ihm haben wir die psychische Verfassung, die der in Klassen gespaltenen Menschheit gemäß ist. Der Ernst ist die Wesensart des mit seinesgleichen uneins gewordenen Menschen.
Was aber, wenn die Klassengesellschaft abgeschafft und die auf gesellschaftlicher Gleichheit beruhende Freiheit wieder hergestellt wird? Dann stellt sich auch die Heiterkeit als allgemeine Wesensart des Menschen wieder ein. Dem Gesetz der Negation der Negation folgend, entwickelt sich die psychische Verfassung des Menschen von der Heiterkeit der Naturvölker über den Ernst der Klassengesellschaft zur Heiterkeit der kommunistischen Menschheit. Und erst auf dieser Stufe wird die Heiterkeit zur wesentlichen Form des Geistes. Sie ist jetzt nicht mehr naive - was nicht heißen will: primitive -, sie ist jetzt wissende, historisch erfahrene Heiterkeit, sie hat den Ernst in sich aufgehoben. Die Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit ist jedoch kein einfacher und einmaliger Akt, sie ist ein komplizierter und dauernder, weil historischer Prozeß. Und wir stehen gerade am Anfang. Die Jahrtausende währende Herrschaft des Ernstes ist noch ungebrochen. Er denkt nicht daran, sich aufheben zu lassen. Noch dazu von seinem Gegenteil. Was ist da zu machen? Da muß der Ernst lächerlich gemacht werden. Dagegen ist er machtlos. Aller Ernst, nicht nur der allzu große, ist im Grunde lächerlich. Er ist falscher Anspruch, mehr Schein als Sein, Diskrepanz zwischen Erscheinung und Wesen, verabsolutierte Relativität, also komisch. Also muß er als das aufgedeckt werden, wenn er aufgehoben, wenn das Gesetz der Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit vollstreckt werden soll.
Der Ernst ist die Wirklichkeit, die unmöglich gemacht werden muß, soll die Heiterkeit als wesentliche Form des menschlichen Geistes Wirklichkeit werden. Folglich bedarf es der Kunst. Wie wir gesehen haben, ist sie imstande, Wirklichkeit um des Möglichen willen unmöglich zu machen. Und sie ist berufen, Wirklichkeit vorzuahmen, in unserem Falle den Prozeß der Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit. Na schön. Aber wie?
Wie wir wissen, hat die Heiterkeit ihre Bedingung in der Freiheit. Und umgekehrt findet die Freiheit die ihr gemäße Form in der Heiterkeit. Der Kampf um die Freiheit ist ernst, die Freiheit selbst ist heiter. Nur in dieser Form ist sie genießbar, wird sie zum Genuß. Also ist die (in unserem historischen Sinne verstandene) Heiterkeit Kriterium der Freiheit. Ernste Freiheit ist ein Widerspruch in sich. Daher muß die Kunst, will sie die Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit vorahmen, einen Vorgeschmack geben von der Heiterkeit als Form der Freiheit, von der Freiheit in Form der Heiterkeit.
Das ist das Höchste, was die Kunst geben kann, und zugleich das Schwierigste. Aber einfacher geht es nicht, wenn es Kunst sein soll.
Schließen wir: Sowohl die naive Heiterkeit als auch der bloße Ernst stellen historische Vorformen dar, aus denen, dem Gesetz der Negation der Negation folgend, die den Ernst in sich aufhebende Heiterkeit als die wesentliche Form des Geistes hervorgeht. Wir werden von allen guten Geistern verlassen, wenn wir den wesentlichen, den Geist der Heiterkeit, nicht gewinnen. Gewinnen wir ihn aber, so werden uns die bösen verlassen. Die Kunst, berufen, Vorahmung der Wirklichkeit zu sein, findet den tiefsten Sinn ihres Berufes in der Vorahmung des historisch notwendigen Prozesses der Aufhebung des Ernstes in Heiterkeit, der heiteren Aufhebung des Ernstes. Die Aufhebung einer Erscheinung in der ihr entgegengesetzten aber ist die höchste Form der Identität beider Erscheinungen. Mithin stellt die Kunst, sobald sie ihrem wirklichen Berufe nachgeht, die höchste Form der Identität von Ernst und Heiterkeit her. Eben das ist die Kunst - an der Kunst.

Die Philosophie der Heiterkeit als Grundhaltung des Menschen
Heiterkeit in unserem Verständnis ist die Form (sprich: Funktion) und der Genuß der Freiheit. Als das hat die Heiterkeit einmal weltweit geherrscht, von den Eskimo bis zu den Pygmäen, von den Itelmenen Kamtschatkas bis zu den Südseeinsulanern und von den nordamerikanischen Indianern bis zu denen Südamerikas. Die Heiterkeit war allgemeine Grundstimmung der Naturvölker, als das hatte sie von Nord bis Süd, von Ost bis West auf unserer Erde das Regiment. Das sollte man wissen. Aber das interessiert unsere Historiker wenig, weder die bürgerlichen noch die marxistischen. Und noch weniger interessiert sie, daß diese Heiterkeit auf der Freiheit beruhte. Und am wenigsten interessiert sie, daß diese Freiheit auf der Gleichheit beruhte. Gleichheit ist das Fundament von allem. Ohne sie ist die Freiheit Zynismus (denken wir an die Freiheit des Obdachlosen). Und ohne wirkliche Freiheit ist die Heiterkeit Boulevardtheater.
War die Heiterkeit der Naturvölker Grundstimmung, so ist sie als Negation in der Klassengesellschaft Grundsehnsucht, um als Negation der Negation in der eigentlichen Geschichte Grundhaltung zu werden. Als Grundhaltung ist sie sich ihrer selbst bewußt, ist sie die Philosophie ihrer selbst. Philosophie der Heiterkeit ist erwachsene Lebenskunst. Ernst bannt - Heiterkeit löst. Auch die Zunge. Auch die Probleme. Jedenfalls, wenn Heiterkeit Funktion der Freiheit ist. Gleichheit - Freiheit - Heiterkeit, das ist das historisch fundierte Gebäude, in dem der eigentliche Mensch wohnen wird.

Die Sozialisten, in ihrem bis heute dauernden Kardinalfehler befangen, gegenüber den bürgerlichen Wertsetzungen in der Defensive zu sein und dementsprechend die peinlichsten Irrtümer zu fabrizieren (von der Mode bis zur Ökonomie), die Sozialisten sind, statt auf der Gleichheit zu bestehen, auf die Freiheit hereingefallen.

Vor allem erhebt sich da die Frage, worin die Fähigkeit des Menschen, lachen zu können, begründet liegt, welche geistige Beschaffenheit ihm dafür die Voraussetzung gibt. "Das Tier", sagt Karl Marx, "ist unmittelbar eins mit seiner Lebenstätigkeit. Es unterscheidet sich nicht von ihr. Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins." Es ist der Abstand, den der Mensch von sich selbst gewinnt, vermöge dessen er über sich selber lachen kann. Er erhebt sich vom Objekt zum Subjekt und erlangt das Bewußtsein seines Wesens als Subjekt. Somit ist er in den Stand gesetzt, dieses sein Wesen zum Maß zu nehmen und alle Abweichungen davon mit Spott zu bedenken, während ihm die Übereinstimmung mit diesem Maß zum Bedürfnis und dessen Befriedigung zum Genuß wird; Die gemäße Form dieses Genusses aber ist Heiterkeit. Hier ist der Spaß, der Scherz, das Lachen zum Ausdruck der Selbstbestätigung des Menschen als Subjekt geworden.

Es ist das natürliche Bedürfnis des Menschen, sich seines Daseins zu freuen. Aber eine Tatsache ist es auch, daß das menschliche Dasein (und damit die Freude an ihm) in der bisherigen Geschichte des Menschen ständiger Bedrohung ausgesetzt war und ist. Die Daseinsfreude ist mithin nicht ein gegebener Zustand, sondern das Ziel, das nur auf dem Wege der ständigen Auseinandersetzung mit den sie bedrohenden gesellschaftlichen Kräften erlangt werden kann. Beide, Ziel und Weg, verhalten sich aber wie zwei dialektische Komponenten zueinander. Sie wirken, für sich genommen, in entgegengesetzter Richtung. Als Ausdruck der Daseinsfreude ist der Spaß auf sich bezogen, auf das Subjekt. Als Ausdruck der Abwehr, der Verneinung dessen, was unser Subjektsein bedroht, uns zum Objekt zu machen droht, ist er auf ein anderes (einen anderen) bezogen. Und wird der Sieg davongetragen, so drückt das Lachen, die Heiterkeit, der Scherz die eigene Überlegenheit aus, ist also wieder auf sich selbst, auf das Subjekt bezogen, das sich als solches bewährt und bewahrt hat - aber jetzt nicht mehr als das naive, allein natürliche Daseinsfreude empfindende, sondern als das sich seines Gegensatzes bewußte Subjekt.

Wirklicher Spaß, Spott oder Scherz sind immer sowohl Aktion wie Reflexion, Kritik und Selbstbestätigung, Verneinung und Bejahung. Ohne Bejahung wird aller Spaß sinnlos, antihuman und endet schließlich in Skeptizismus und Nihilismus. Ohne Verneinung wird aller Spaß wirklichkeitsfremd, illusionär und endet in frommer oder unfrommer Selbsttäuschung. Aber jede Zeit, jede Gesellschaftsklasse und jeder Mensch verneint und bejaht auf andere Weise. Und zu keiner Zeit hat sich der Spaß, das Lachen auf diese beiden Komponenten reduziert. Neben dem Angriff dienten sie der Verteidigung, der Selbstbehauptung; neben der Kritik des Gegners dienten sie der Selbstkritik. Und zu allen Zeiten treibt der allgemeinmenschliche Spaß sein Spiel und auch der Spaß des Spaßes halber. Aber immer wirken hinter diesen Erscheinungsformen, mögen sie auch noch so vielfältig und schillernd sein, die beiden Komponenten als letztendliche Ursachen allen menschlichen Humors. Ohne sie bliebe er uns ein unfaßbares Phänomen, würden uns seine vielfältigen Formen verwirren und sein Wesen unbegreiflich machen. Denn gerade in diesen Komponenten liegt seine historische Kausalität begründet. Durch sie ist er an die gesetzmäßige Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gebunden und wird selber zu einer gesetzmäßigen, sich historisch entwickelnden und somit in ihrem Wesen objektiv erkennbaren Erscheinung. Beide Komponenten, sowohl der aus Daseinsfreude entspringende Humor, die heitere Selbstbestätigung als Subjekt, als auch der satirische Humor, der aggressive Spott, haben ihre konkreten und sich historisch verändernden gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Ohne die Methode der heiteren Dialektik ist keine marxistische Geschichtsbetrachtung möglich. Und ohne fortgesetzten Marxismus, ohne die Methode der heiteren Dialektik, kann auch keine Geschichte mehr gemacht werden, jedenfalls keine eigentliche.

Ich sage es zum wiederholten Male: Ein ernster Marxist ist ein Widerspruch in sich.

Wäre Lenin der Kritik von Rosa Luxemburg gefolgt, hätte die Oktoberrevolution keine acht Tage überlebt.
Kein Irrtum ist es, wenn Rosa Luxemburg davon überzeugt war, daß Humor das Unentbehrlichste und Klügste im Leben ist.

Der Sozialismus ist nicht nur eine früher oder später erreichbare Gesellschaftsform, er ist auch eine Gesittung, eine Gesinnung. Er ist vor allem eine Frage des menschlichen Anstandes. Und die Partei, als die Vorahmung dessen, ist die Heimat des anständigen Menschen.

Und wenn das Gesetz des Sozialismus nicht mehr ihm wesensfremden Bedingungen unterworfen ist, wenn er nicht mehr fetischisierter Zweck, sondern lebendiges Mittel zum Zwecke des Menschen ist, wird er nicht nur sittlich, sondern auch ökonomisch von uneingeschränkter Kreativität sein. Er wird nicht nur ein Sozialismus sein, der Spaß macht, sondern ein Spaß, der Sozialismus macht.

Eine Erscheinung, die dem Gesetz der Negation der Negation folgt, verkehrt in der zweiten Phase, in der Phase der Negation, ihr ursprüngliches Wesen in das gerade Gegenteil, um es in der Negation der Negation als eigentliches zu gewinnen. Das ursprüngliche und eigentliche Wesen des Menschen aber ist Heiterkeit.

Wir hatten die auf sozialer Gleichheit beruhende Freiheit der Naturvölker als Voraussetzung ihrer Heiterkeit erkannt. Indem der Kommunismus diese Freiheit erneuert, erneuert er auch die Voraussetzung der Heiterkeit. Nur hat diese Heiterkeit eine höhere historische Qualität. Sie hat außer der sozialen auch die Freiheit gegenüber der Natur zur Voraussetzung, und sie hat die verkehrte Welt hinter sich. Die Welt der Klassengesellschaft kann, auch wenn sie historisch notwendig ist, nicht die eigentliche Geschichte der Menschheit, sie kann nur deren Vorgeschichte, nur die zweite Phase dieser Vorgeschichte sein. Könnte sie sonst die Heiterkeit, die schönste Form der menschlichen Wesensart, in ihr Gegenteil, in Ernst verkehren? Könnte sie sonst das Ende der Menschheit, den Untergang der Gattung Mensch auf die Tagesordnung setzen? (Allein die Kosten der Vorbereitung und Vermeidung eines Krieges bezahlt die Menschheit zunehmend mit ihren natürlichen und sittlichen Existenzbedingungen.)
Was kann Heiterkeit nach dieser Verkehrung sein? Gewiß nicht naive, sondern historisch erfahrene. Sie hat ihre Verkehrung erfahren und diese Verkehrung aufgehoben. Sie wurde vom Ernst negiert und hat jetzt den Ernst negiert. Der Ernst als bestimmende Seite schließt Heiterkeit aus. Die Heiterkeit als bestimmende Seite schließt Ernst ein. Sie vollendet ihn in der Identität der Gegensätze. Mit seiner Aufhebung verliert der Ernst seine Exklusivität, seine unmenschliche Verabsolutierung und seine bestimmende Rolle. Diese Rolle übernimmt ihr rechtmäßiger Inhaber, die Heiterkeit. Wonach beide in produktive Wechselwirkung treten und sich voll entwickeln können. Der Ernst wird erst jetzt eigentlicher Ernst: er dient nicht mehr der Unfreiheit. Und auch die Heiterkeit wird erst jetzt eigentliche, denn erst jetzt weiß und genießt der Mensch sich in ihr als historisches Wesen. Daher kann diese Heiterkeit nicht mehr als Grundstimmung, sie muß als Grundhaltung definiert werden.
Wie die Bewußtheit nicht ohne Spontaneität sein kann, kann die Grundhaltung nicht ohne Grundstimmung als unmittelbarer Ausdruck der auf sozialer Gleichheit beruhenden Freiheit sein. Und auch diese Grundstimmung kann getrübt werden. Auch wenn der Mensch weiß, was er hinter sich hat und weiß, daß er das ein und für allemal hinter sich hat, so hat er doch nicht alles hinter sich. Das aus Unglück, aus Krankheit oder Tod rührende Leid kann den einzelnen übermannen. Doch dieses Leid kann immer nur individuell oder partiell sein und nur die Grundstimmung, nicht aber die Grundhaltung als Ausdruck des historischen Gattungswesens treffen. Im Gegenteil stabilisiert die Grundhaltung die Grundstimmung. Nicht zuletzt durch die Kunst, indem sie durch die Grundhaltung als ihrem allgemeinen Inhalt den Bezug zum Gattungswesen des Menschen herstellt.

Will man wirklich den Humanismus, will man den wirklichen Humanismus zur Geltung bringen, muß man wieder natürlich miteinander umgehen. Schon das allein wäre Grund genug, die Klassengesellschaft abzuschaffen. Nur in der klassenlosen Gesellschaft (die Naturvölker geben davon Zeugnis) ist es möglich, sich unverstellt, ohne Maske zu begegnen, unbedenklich, weil nicht bedenken müssend, was mir der andere für eine Schlinge drehen könnte. Wo man sich als das ausgibt, wofür man sich selber hält, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Was weiß der Mensch von sich?
Daß der Mensch ein ontogenetisches und ein phylogenetisches, ein Einzelwesen und ein Gattungswesen ist, macht ihm mehr zu schaffen, als er weiß. Er hat keine historische Geduld, er fällt auf die unsinnigsten religiösen Verheißungen herein. Seine phylogenetische und seine ontogenetische Uhr haben einen anderen Gang, sie messen die Zeit verschieden. Gibt es danach zwei Wahrheiten? Sind beide wahr? Seine Lebensplanung ist schizophren. Ist er ein Teil vom Ganzen oder ist das Ganze ein Teil von ihm? Eines steht fest: Die menschliche Gesellschaft ist erst dann menschlich, wenn sie diesem Doppelcharakter des Menschen gerecht wird. Wie muß diese Gesellschaft sein? Eine neue Frage.

Der Humor ist die Heiterkeit des Erwachsenen. Er ist erwachsene Heiterkeit, weil er das Wissen um die Natur des Menschen einschließt.
Mit dem Eintritt der Menschheit in den Sozialismus/Kommunismus wird auch der Humor auf eine entschieden höhere Stufe gehoben, wo Ernst und Heiterkeit so ineinander verschmolzen sind, daß sie nicht mehr wie bisher säuberlich getrennt werden können, wo die Heiterkeit die geistige Schwerkraft überwunden hat, der Mensch leichtsinnig, leichten Sinnes wird.
Jedoch ist dieser Humor, diese Heiterkeit, im gegenwärtigen Stande nicht wesentlich mehr als gesetzmäßige Notwendigkeit, noch nicht Wirklichkeit.

Die auf Gleichheit beruhende Freiheit macht die Heiterkeit zu einem allgemeinen Wesensmerkmal des menschlichen Zusammenlebens. Auch das hat die Geschichte zur Genüge bewiesen.

Die Heiterkeit als Grundhaltung ist vollkommen Ausdruck des menschlichen Gattungswesens. Als das kann sie, ohne das eigentliche Wesen des Menschen aufzuheben, nicht aufgehoben werden.

Das Fünfte Paradoxon der Kunst
Das Begreifen will begriffen sein. Und zwar in seinem menschlichen Zwecke. Nur dann kann es seinen Zweck erfüllen. Nun besteht aber, wie wir gesehen haben, das Spezifikum der Anpassung des Menschen darin, sich der Wirklichkeit anzupassen, indem er die Wirklichkeit sich, der Entwicklung seines Wesens anpaßt. Das sich entwickelnde Wesen des Menschen ist jedoch das heitere Wesen. Folglich muß die Wirklichkeit zum Zwecke dieser Entwicklung, zum Zwecke der Heiterkeit begriffen werden. Wie aber kann das Begreifen diesem Zwecke dienen, wenn es selbst nicht heiter, in seinem Wesen also seinem Zwecke fremd ist? Das ist wieder eine der Fragen, auf die man erst kommt, wenn man die Antwort bereits hat.
Das Begreifen, unsere gesamte Erkenntnistätigkeit, will sie Mittel zum Zwecke der Anpassung der Wirklichkeit an das Wesen des Menschen sein, muß selbst dem Wesen des Menschen angepaßt, also heiter sein. Das heitere Begreifen begreift die Wirklichkeit nicht an sich, es begreift sie für uns, wertet sie zum Zwecke ihrer Vermenschlichung. Es ist nicht wertfreies, sondern zweckvolles, es ist nicht kontemplatives, sondern aktives, es ist eingreifendes Begreifen. Das heitere Begreifen ist die höchste, weil menschlichste Art des Begreifens. Erst wenn wir das begriffen haben, haben wir uns selbst begriffen. Wir können das Wesen des Menschen nicht als heiteres begreifen, wenn wir nicht heiter begreifen; und wir können es nicht als heiteres darstellen, wenn wir nicht heiter darstellen.

Ein weiterer Bestandteil der allgemeinen Methode der ST (ST gleich Soziale Transfermation, siehe "Revolution auf Knien …") ist die Heiterkeit. Heiterkeit nicht als naiver Frohsinn oder als individueller Charakterzug. Hier ist die Heiterkeit als Form (= Funktion) und Genuß sozialer und geistiger Freiheit gemeint. Freiheit macht heiter, und Heiterkeit macht frei. Unfreiheit macht ernst, und Ernst macht unfrei. Ernst bannt, Heiterkeit löst. Heiterkeit in diesem Sinne ist Voraussetzung des Spiels. Sie ist aber auch Folge des Spiels. Jedenfalls ist sie aber eigenständiges Element der allgemeinen Methode der ST. Sie verleiht allen Übertragungen ihren eigentümlichen Wert.

Heiterkeit ist als Form der Freiheit deren Vollendung und Genuß. Sie ist das schöne Gefühl der Freiheit. Also der schöne Gegenstand. Sie ist das Gattungswesen des Menschen als ästhetischer Gegenstand, und also der allgemeine Gegenstand der Kunst. Heiterkeit ist die wesentliche Form der Poesie, weil das poetische Gattungswesen des Menschen. Indem die Kunst diese Heiterkeit zu ihrem allgemeinen Inhalt macht, erfaßt sie das poetische Wesen des Menschen, ist höchste Verallgemeinerung und folglich höchste Wahrheit. Als das muß der allgemeine Inhalt der Kunst aber nicht bei jedem Kunstwerk neu gewonnen, sondern nur konkret gefaßt werden. Heiterkeit als historische Verallgemeinerung ist das Bleibende, Ruhende, Dauernde "in der Flucht der Erscheinungen".
Die Heiterkeit der Naturvölker war unmittelbar allgemeiner Inhalt der Kunst. Der allgemeine Inhalt der eigentlichen Kunst, der eigentliche allgemeine Inhalt der Kunst setzt als höchste Verallgemeinerung die Philosophie der Heiterkeit voraus. Erst als philosophische Heiterkeit kann die Grundhaltung historische Verallgemeinerung sein. Nur die ihre Philosophie in sich aufhebende Heiterkeit ist wahr. (Wie nur die in Heiterkeit aufgehobene Philosophie poetisch ist.)
Während wir die Heiterkeit in der ersten Phase als Grundstimmung und in der dritten als Grundhaltung haben, ist sie in der zweiten Phase zur Grundsehnsucht verkehrt und verdammt. Und als das ist sie nicht mächtig, allgemeiner Inhalt der Kunst zu sein, so daß die Kunst in dieser Phase gemeinhin ohne allgemeinen Inhalt ist, was man wissen muß, will man wissen, was die Kunst in dieser Phase ist. Und man muß wissen, daß die Kunst, wo ihr der allgemeine Inhalt, die Heiterkeit fehlt, nicht um die Heiterkeit kämpft, sondern um deren Bedingung, die Freiheit. Das ist folgerichtig und kommt dem allgemeinen Inhalt der Kunst näher als alle künstliche Heiterkeit, auch wenn der Kampf um die Freiheit ernst ist. Die Heiterkeit, ob nun Grundstimmung, Grundsehnsucht oder Grundhaltung, ist niemals als persönliche, sondern immer als soziale Heiterkeit zu verstehen. Nur als das kann sie allgemeiner Inhalt der Kunst sein oder ihr als allgemeiner Inhalt mangeln. Wie das Theater gleich aller anderen Kunst im Kommunismus seine allgemeine Funktion als eigentliche erhält, so erhält es im Kommunismus auch seinen eigentlichen allgemeinen Inhalt. Und erst jetzt kann es die ihm zukommende Rolle unter den Künsten spielen.

Daß die unvergänglichen Kunstwerke nicht ohne Humor sind, macht die Unvergänglichkeit humorverdächtig.

Die vollendete Anwendung eines Organs ist die freie, spielende, spielerische. Frei ist der Mensch erst, wenn ihm die Mittel seiner Existenz zu Spielmitteln geworden sind. Das Spiel mit seinen Mitteln ist die höchste Form der Freiheit des Menschen, weil erst jetzt die Mittel sich nicht mehr zum Selbstzweck verselbständigen und den Menschen zu ihrem Mittel machen. Das freie Spiel mit den Mitteln seiner Existenz ist das Spiel des als Gattungswesen erwachsenen Menschen und damit das Kriterium seines Erwachsenseins. Also muß ihm die gesellschaftliche Organisation, die gesellschaftliche Wirklichkeit als Organ der Anpassung zum Spielmittel werden. Und die Kunst dient der Anpassung aktiv, indem sie das Spiel mit der Wirklichkeit (in Kenntnis der wirklichen Gesetze) vorahmt. Als das hebt sie die Nachahmung als passive Form der Anpassung in sich auf. Die allgemeine Funktion der Kunst ist die Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit. Und dieser Vorahmung kann die gesellschaftliche Wirklichkeit uneingeschränkt nur dann folgen, wenn sie auf das Spiel mit ihr eingerichtet ist.

Als Vorahmung, als Probe und Muster des Spiels mit der Wirklichkeit wird die Kunst aber zur höchsten Instanz der Wirklichkeit. Sie spielt dem Menschen die ihm gemäße "Natur" und die ihm gemäße Anpassung der Natur an ihn vor. Erst in der Form des Spiels erlangt das Naturgesetz der Anpassung seine höchste Form. Erst in Form des Spiels kommt der Mensch näher an die Natur und näher an die Kunst. Alles ist letzten Endes Anpassung, und alle Anpassung ist letzten Endes Spiel. Die spielerische Form der Anpassung ist Kriterium des Eintritts der Menschheit in die eigentliche Geschichte. Die Anpassung ist kein äußeres Gesetz, und die Kunst erfüllt keine äußere, ihr fremde Funktion, wenn sie als Vorahmung des Spiels mit der Wirklichkeit generell Funktion der Anpassung ist. (Was spezielle Funktionen nicht ausschließt.)

"Die Beschwingtheit des Menschen bedeutet uns mehr als alles andere und ist nach unserer Meinung eben die Verfassung, die man die glückliche nennen kann. Leider habe ich selbst nur wenig davon, da ich mich fast ausschließlich auf anderen Planeten herumtreibe und in fremden Sprachen sprechen und denken muß. Die eigenartige Psyche der Beschwingten realisiert sich aber gerade in ihrem Denken und in ihrer Sprache. Sie werden deshalb auf meinem Heimatplaneten erhebliche Verständigungsschwierigkeiten haben. Die Beschwingten nehmen nämlich nichts ernst und nichts heiter, vielmehr nehmen sie alles ernst und heiter zugleich, gleichgültig, ob es sich um eine heitere oder ernste Angelegenheit handelt."
"Das kann ja heiter werden", sagte Schimansky, "ich ahne nämlich schon, wo der Hase im Pfeffer liegt. Die Beschwingten reden doppelt, was nur logisch ist, wenn sie alles doppelt nehmen."
"Genau", sagte Siebenscharff nicht ohne Amüsement, "wir sind sozusagen zweisprachig in einer Sprache. Wir drücken uns, wie wir es nennen, stets in Form der heiteren Verstellung aus. Wir treiben mittels der Sprache, die ja nichts als die Kundgebung des Denkens und der inneren Haltung ist, unser heiteres Spiel mit der Wirklichkeit und mit uns selbst. Gerade durch dieses heitere Spiel, welches den Ernst verstellt, wird aber die Wirklichkeit nur um so treffender bezeichnet."
"Wenn ich Sie recht verstehe", sagte Piccolomini, "so ist diese Technik der heiteren Verstellung dem Verfahren der Ironie vergleichbar, die ja mit der Verstellung arbeitet, um die Dinge richtig zu stellen."
"Sie haben mich recht verstanden, wenn Sie es wirklich nur als Vergleich verstehen." Siebenscharff schien glücklich zu sein, sich über heimatliche Gegenstände unterhalten zu können, noch dazu er die besten Gesprächspartner hatte. "Die heitere Verstellung hat jedoch nicht nur die Aufgabe, die Dinge richtig zu stellen, das ist ihre ernste Seite, worin sie die Funktion jeder beliebigen Sprache erfüllt, nur eben besser. Während sich aber eine beliebige Sprache in dieser Funktion erschöpft, hat die der heiteren Verstellung noch eine andere Seite, eben die des Spiels mit der Wirklichkeit, und das ist im Unterschied zur Ironie und ähnlichem keine beiläufige und gelegentliche Äußerung, sondern eine wesentliche und ständige, und sie ist nicht Mittel zum Zweck, sondern unmittelbar Ausdruck der beschwingten Haltung der Menschen auf meinem Heimatplaneten. Sie können sich vorstellen, welchen Aufschwung die Künste, vor allem die des Theaters, seit der Zeit genommen haben, da wir mit der Beschwingtheit die doppelte Sprache gewonnen haben, die der Kunst die ihr gemäße spielerische Leichtigkeit verleiht, ohne die ihr Stoff ästhetisch nicht zu bewältigen ist. Mit einem Wort", sagte Siebenscharff, und man sah ihm an, daß es das Entscheidende war, "der Inhalt unserer künstlerischen Methode ist die Haltung der Beschwingtheit oder, wie wir es nennen, die ästhetische Schwerelosigkeit, ihre Form aber ist die Technik der heiteren Verstellung. Und diese Methode gilt nicht nur für die Kunst, sie ist die Methode unseres Lebens."

Das Spiel ist das Geheimnis der menschlichen Wesens, sein letzter Sinn und Grund. Alle menschliche Geschichte führt zum Spiel, auch zum Spiel mit der Geschichte. Der Grad dieses Spiels ist der Grad des Menschen als historischer Souverän, als historisches Subjekt.

Heiterkeit ist emotionale und rationale Voraussetzung des Spiels mit der Wirklichkeit - und sie ist der Sinn dieses Spiels. Die Natur kann dem Menschen nur menschlich angepaßt werden, wenn sie seinem Gattungswesen angepaßt wird. Und das Gattungswesen des Menschen ist heiter.
Die erwachsene Heiterkeit ist die beste Bedingung und Methode, die soziale Vererbung voll zu verwirklichen, die Aufhebung, Verarbeitung und Verwertung alles Aufhebenswerten aus der bisherigen Geschichte der Menschheit.

Sentenzen zur Heiterkeit

Humor hat, wer gleich lacht.

Wahrheit, Weisheit und Humor sind von Natur innig verbunden. Während die Weisheit die humanistische, auf den Menschen als Zweck gerichtete Wahrheit, ist der Humor die heitere Form der Weisheit. Womit aber der Humor nicht nur seinen ernsten Gehalt gewinnt, sondern die Wahrheit auch von ihrem unnatürlichen Ernst befreit wird. Also kommt die Freiheit letzten Endes nicht ohne Humor aus. Das ist der Weisheit letzter Schluß.

Der Humor ist die Selbstbestätigung als Subjekt, die zum Gegenstand eines Genusses geworden ist, wodurch ihre Handhabung die spielerische Eleganz, die Leichtigkeit, den Charme gewinnt, welche Eigenschaften in ihrer Gesamtheit das "gewisse Etwas" ausmachen, welches der Erscheinung des Humors eigen ist.

Der Humor äußert sich als Spiel mit der Form, weil der Inhalt beherrscht wird.

Die ausgereifte Frucht ist süß - der ausgereifte Gedanke ist heiter.

Heiterkeit ist die Vermenschlichung des Ernstes.

Der Umgang mit ernsten Menschen erfordert in der Tat eine gewisse Vorsicht. Sie sind verschlossen und verstehen leicht was verkehrt. Man weiß nicht, wie man sie nehmen soll, und nimmt sich in acht. Man gibt sich anders, als man ist, und die natürliche Unbefangenheit ist dahin. Ernst macht unfrei. Und ein ernster Vorgesetzter zumal ist die Einschüchterung in Person.

Die Klage, daß heute der Humor nicht sehr verbreitet sei, ist heute sehr verbreitet. Hier stimmt etwas nicht, denn die Klagenden meinen nicht sich.

Es gibt Leute, die über eine verkehrte Meinung lachen, weil sie eine noch verkehrtere für die richtige halten.

Es gibt kein menschlich relevantes Gebiet, wo die Anwesenheit des Humors nicht von Vorteil, seine Abwesenheit nicht Mangel wäre.

Die Freizeit ist ein verräterisches Kriterium für die Befindlichkeit des Menschen, sie ist der Spiegel seiner Freiheit, und das auf eine kuriose Weise: Je größer der Mangel an Freiheit, desto größer die Empfindung, in der Freizeit keine Zeit zu haben.

Ohne den Teufel auf der Erde gäbe es keinen Gott im Himmel.

Nicht nur eine Tragödie, auch eine Komödie kann ohne Humor, nämlich nur mit Witz geschrieben werden. Aber wie das Tragische ohne Humor bloß traurig, so bleibt das Komische ohne Humor bloß lustig.

Das Spiel des Erwachsenen, will es nicht kindisch sein, muß Humor haben; ebenso die Kunst.

Daß die unvergänglichen Kunstwerke nicht ohne Humor sind, macht die Unvergänglichkeit humorverdächtig.

Der heitere Mensch hat die geistige Freiheit, sich aus der sklavischen Abhängigkeit von der Wirklichkeit zu lösen und das Mögliche zu erkennen. Ernst bannt, Heiterkeit löst.

Unpassende Witze sind an der Garderobe abzugeben.

Ein guter Witz ist selbst bei einem Begräbnis am Platze.

Welthumor
Gefragt, weshalb er nicht an Gott glaube, erwiderte Nepomuk: "Weil mir nicht bewiesen werden konnte, daß Gott jemals gelacht hat. Wie aber könnte ein Mann, der diese Welt gemacht hätte, ernst bleiben."

Wer zuletzt lacht, lacht allein.

  • Autor: Dr. Gerhard Branstner
    Quelle:© Philosophischer Salon
    Update: Berlin, Sa. 24.02.2001