Der Querschläger |
Der eigentliche Mensch. Die Anpassung der Dritten ArtVorsatzDie Anpassung der Ersten Art (Die Anpassung innerhalb der Natur) Die Anpassung der Zweiten Art (Die Anpassung zwischen Mensch und Natur) Die Anpassung der ersten Unart (Die politische Gruppenanpassung) Die Anpassung der zweiten Unart (Die übelriechende Einzelanpassung) Hauptsatz Die Anpassung der Dritten Art (Die humanistische Anpassung zwischen den Menschen) l. Der Begriff 2. Beispiele 3. Hindernisse 4. Der eigentliche Mensch Die älteste Regel der Lebenskunst, das rechte Maß zu halten, heißt nicht nur, es nicht zu überschreiten, sondern auch, es zu erfüllen. Zuvor aber müßte es gefunden werden. * Vorsatz Die Anpassung der Ersten Art (Die Anpassung innerhalb der Natur) Die Anpassung der Ersten Art ist die von Darwin entdeckte Fähigkeit der Pflanzen und Tiere, ihr Überleben zu sichern, speziell ihr Überleben als Art. Das geschieht einmal auf dem Wege der direkten Anpassung, beispielsweise indem ein Muskel durch seine ständige Nutzung gestärkt wird oder durch seine Nichtnutzung verkümmert. Ein negatives Beispiel zeigt die folgende Fabel: Ein Bote brach die Beine sich. Das kommt vom Laufen, sprach der Fisch. Der Hase rannte einem Wolf davon. Da kam ihm eine Schnecke in die Quere. Um sie nicht zu verletzten, wich der Hase aus und stieß in vollem Lauf gegen einen Baum. Die Schnecke wartete, bis der Hase wieder zu sich kam, dann sagte sie: Nimm dir ein Beispiel an mir, ich bin noch niemals beim Ausweichen gegen einen Baum gerannt. Die direkte Anpassung, die der Hase zu erwerben nötig hat, ist nicht die Stärkung eines Muskels, sondern die Verarbeitung einer Erfahrung. Auch die indirekte Anpassung geschieht auf unterschiedliche Weise, nämlich durch die natürliche Auslese, die Kreuzung, die Zuchtwahl, die Vererbung erworbener Eigenschaften etc. All diese, oft verabsolutierten und über die Anpassung gestellten Prozesse haben nur Bestand und Zweck, wenn sie der Anpassung, dem Überleben dienen. Die Anpassung der Zweiten Art (Die Anpassung zwischen Mensch und Natur) Die Anpassung der Zweiten Art ist die von mir entdeckte Fähigkeit des Menschen, sich der Natur anzupassen, indem er die Natur sich anpaßt, um als Gattung zu überleben. Er verwandelt die Natur zu seinen Zwecken, aber immer nur mit dem Stoff der Natur und nach ihren Gesetzen. Insofern kann die Umkehrung der Anpassung, die Anpassung der Natur an den Menschen, immer nur eine besondere Form der allgemeinen Anpassung an die Natur sein. Das Allgemeine erscheint im Besonderen als seinem Gegensatz. Das schließt Formen der natürlichen Anpassung nicht aus, wie der folgende Vers zeigt: Der Obstgärtner Was hab ich nicht versucht, die Stare zu verscheuchen. Doch jetzt, so will mir deuchen, sind sie aus meiner Welt. Ich habe meine Frau als Scheuche aufgestellt. Andere Formen der natürlichen Anpassung zeigen sich in der Naturliebe, der Tierliebe des Menschen. Oder auch im Nomadentum. Die für den Menschen typische Form ist jedoch die umgekehrte, die Anpassung der Natur an ihn. Diese Besonderheit ergibt sich daraus, daß die jeweilige Gesellschaftsformation, die gesellschaftliche Organisation des Menschen Organ der Anpassung ist. Als das verleiht sie der Anpassung ihre spezielle, besondere, dialektische, historische Form. Das Begreifen der gesellschaftlichen Organisation des Menschen als Organ der Anpassung ist der Springpunkt des Begreifens der menschlichen Geschichte überhaupt und des Verhältnisses von Mensch und Natur. Die Anpassung der Natur an den Menschen wird in der Klassengesellschaft erkauft durch die Anpassung des Menschen an die Produktionsverhältnisse. Er wird in der Schule und vor und nach ihr als Produktionsmittel ausgebildet. Die Anpassung der Natur an den Menschen hat die Potenz der Verselbständigung, des Eigenlaufs, was im Falle der Beibehaltung einer überholten gesellschaftlichen Organisation als Organ der Anpassung unvermeidlich in die Katastrophe führt. Die Erkenntnis der Zweiten Art der Anpassung läßt die Gesellschaftsordnungen als Funktion der Anpassung erkennen, als Form oder Fessel. Und solange sie nicht Fessel sind, können sie nach ihren eigenen, sekundären Gesetzen entstehen oder vergehen. Die Anpassung der Ersten Unart (Die politische Gruppenanpassung) Die Anpassung der Zweiten Art verlangt, sobald die gesellschaftliche Formation als ihr Organ überfällig geworden ist, eine politische Organisation als Geburtshelfer eines neuen Organs. Als das aber haben sich alle bisherigen Parteien ausnahmslos als ungeeignet erwiesen. Statt dessen entwickelt sich in ihnen oder in anderen Organisationen eine Anpassung, die nicht auf die Einheit mit der Natur, sondern auf die Einheit mit der bestehenden Gesellschaftsformation gerichtet ist und als erste Unart charakterisiert werden muß. Sie läßt sich am besten als politischer Opportunismus definieren. Es ist gleichgültig, in welcher Gestalt der Opportunismus auftritt, ob als Reformist, Revisionist, Renegat oder in seiner extremen Umkehrung als Sektierer, Terrorist oder Ultralinker. Und es ist gleichgültig, in welcher Klasse oder Schicht er sein Unwesen treibt. Die Anpassung der ersten Unart findet in allen Gesellschaftsordnungen der Klassengesellschaft statt. In Zeiten der Überfälligkeit der jeweiligen Ordnung jedoch wird sie zur Verhinderung eines Naturgesetzes, und das am stärksten da, wo sie für den Erhalt einer überfälligen Gesellschaftsordnung am nötigsten ist, am Ende des Kapitalismus. Ohne die Anpassung der ersten Unart wäre der Kapitalismus heute auf der Stelle des Todes. Der Reformismus als eine spezielle Spielart der ersten Unart der Anpassung beispielsweise will den Kapitalismus retten, indem er ihn zur Stopfgans macht und den Sozialismus in ihn hineinfingert, und das auch noch von der verkehrten Seite. Und da das nicht gelingt, kriecht der Reformist selber dem Kapitalismus in den Arsch. Drin ist nun nicht der Sozialismus, sondern der Reformist, was ja auch sein wirkliches Ziel war. Der Sozialismus war nur vorgeschoben. Aber damit sind wir den Reformisten nicht los, vielmehr guckt er wie der Kuckuck aus der Uhr von Zeit zu Zeit heraus und verkündet seine Stunde. Wie die Anpassung der ersten Unart, wenn sie ihm fehlt, der Tod des Kapitalismus ist, so ist sie, wenn er sie hat, der Tod des Sozialismus. Nämlich wenn sie Anpassung an einen "realen", schwerkranken Sozialismus ist. Die Anpassung der ersten Unart an den "realen Sozialismus", der Opportunismus war der Tod des Sozialismus. Die primäre Ursache des Untergangs des "realen Sozialismus" ist jedoch nicht die opportunistische Anpassung an ihn, sondern die Anpassung von ihm. Statt sein eigenes Wesen zu suchen und auszubilden, imitiert der Sozialismus in seiner Schwäche den Kapitalismus. Ökonomisch und politisch, staatlich, wobei er sich auch noch dauernd albern ziert. Statt eigene Konzeptionen zu entwickeln, beispielsweise eine sozialistische Philosophie der Gebrauchswerte, Formen sozialistischer Demokratie usf., paßt er sich dem späten Kapitalismus an, womit er sich diesem hilflos ausliefert. Dieser Fall von Anpassung der ersten Unart, die Anpassung des Sozialismus an den Kapitalismus, ist ein einmaliges Kuriosum der Weltgeschichte. Die Anpassung der ersten Unart ist einmal Voraussetzung für das ungehörige Überdauern das Kapitalismus und zum anderen für das Nichtzustandekommen bzw. den Zerfall des Sozialismus. Die Anpassung der zweiten Unart (Die übelriechende Einzelanpassung) Die individuelle Anpassung des Menschen, die feige, demütige, charakterlose, untertänige Anpassung des einzelnen Menschen an seine Lebensumstände und die ihm übergeordneten Personen wird zwar gemeinhin als moralische Sauerei geächtet, ist in Wirklichkeit eine in der Klassengesellschaft und vornehmlich im Kapitalismus typische und hochwillkommene Eigenschaft bzw. Verhaltensweise des Menschen schlechthin. Ohne sie würde die Anpassung der ersten Unart nicht funktionieren, sie ist sozusagen deren Schmiermittel, und umgekehrt fordert die erste Unart der Anpassung die zweite dauernd heraus. Beide sind sich gegenseitig Voraussetzung und gehen häufig ineinander über. Auch im "realen Sozialismus". Das ist Gegenstand folgenden Liedes: Wem die Jacke paßt - ist selbst ein Schwein Der Mond schien fahl, wir saßen Stund um Stunde, und der Redner sprach wien Wasserfall. Und alle gähnten wie die jungen Hunde, denn was der sagte, das war alles schon mal da. Ich sags wies war, ich sags wies war, wies war, ich sags nur fast, weil mir die Jacke selber auch ein bißchen paßt. Der Mond schien fahl, doch ich bemerkt' es kaum, denn mein Auge schloß sich, wenn auch sacht. Und mir erschienen sieben schöne Frau. Was die im Traum mir sagten, das war noch nicht da. Ich sags wies war, ich sags wies war, wies war, ich sags nur fast, weils sieben Frauen waren, und das ist kein Spaß. Die erste sprach: Wie oft hast du, mein Freund, dem, der mit Phrasen drischt, keinen Widerpart gewagt? (Am liebsten hätte ich sie aus dem Traum gejagt.) Die zweite sprach: Wie oft hast du, mein Freund, auch wenn er Blödsinn schwätzt, dem Chefe zugenickt? (Am liebsten hätte ich sie in die Wüst geschickt.) Die dritte sprach: Wie oft hast du mein Freund, obzwar du andern Sinns, die Hand zum Ja gehobn? (Am liebsten hätte ich sie übers Knie gebogn.) Die vierte sprach: Wie oft hast du, mein Freund, obwohl im Recht du warst, in Selbstkritik gemacht? (Am liebsten hätte ich sie lächelnd umgebracht.) Die fünfte sprach: Wie oft hast du, mein Freund, damit dir nichts geschieht, den andern reingelegt? (Am liebsten hätte ich sie durch den Wolf gedreht.) Die sechste sprach: Wie oft hast du, mein Freund, den, der mal nicht pariert, aus Vorsicht nicht gegrüßt? (Am liebsten hätte ich sie auf den Pfahl gespießt.) Die letzte sprach: Wie oft bist du, mein Freund, wiewohl dus nicht gewollt, doch schließlich umgekippt? (Am liebsten hätte ich sie auf den Mond geschnippt.) Der Mond schien fahl, mein Traum ging hin zum Schlusse, und der Redner sprach noch immerdar. Und er sprach auch vom Dogmatismusse. Und von dem -musse sagt er: der war gar nicht da. Ich sags wies war, ich sags wies war, wies war, ich sags nur fast. Da es im Traum geschah, glaubts mir ja doch kein Aas. Der Mond schien fahl in fortgeschrittner Stunde, und die Frauen sagten mir: Gib acht! Mit deinen kleinen Sünden nicht im Bunde wärn auch die großen Sünden längst schon nicht mehr da. (Am liebsten hätte ich sie alle - olala!) Doch ich alleine gegen sieben Frauen, die hätten mich ganz jämmerlich verhauen. Und darum bin ich aufgewacht und hab ganz fürchterlich gelacht. Denn alles war ja nur ein Spaß. Und hier gibts keinen, dem die Jacke paßt. Wer ist schon gern ein Schwein - Ich seh das ein. Speziell die übelriechende Anpassung der zweiten Unart war Anlaß zu folgendem Gedicht: Das Zustandekommen der kleinen Arschkriecher Ein Mann wie du und ich - und auch kein großes Licht - stieß einmal oben an und war nun übel dran. Und ängstlich, wie er war, verkroch im nächsten Ar er in der Eile sich. Doch war's der richt'ge nicht. Vom Mißerfolg verzagt, hat er's nicht mehr gewagt, als erster einzusteigen und ließ den Weg sich zeigen. Doch nun kam er zu spät, der Arsch war schon belegt und wahrlich knackevoll. Der Andrang war zu toll. Der kleine Arschkriecher war wirklich übel dran. Doch als bescheidner Mann stellt er sich hinten an und macht sich klitzklein und kriecht als letzter noch hinein. Der kleine Arschkriecher - ein Mann wie du und ich - löscht aus sein kleines Licht, verkriecht als letzter sich. Womit das Zustandekommen der kleinen Arschkriecher hinlänglich erklärt ist. Der kleine Arschkriecher - ein Mann wie du und ich -, man sieht es ihm nicht an, wohin er noch gelangen kann. Als ich das Gedicht vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren schrieb, wollte ich nicht nur die kleinen, sondern sämtliche Arschkriecher in ihm unterbringen. Es zeigte sich jedoch, daß nicht alle in ein Gedicht hineingehen. Daher die Beschränkung auf die kleinen. Ein spezieller Fall sind die Arschkriecher aus Versehen. Wer auf gut Glück in einen Arsch kriecht, kann Pech haben. Einen ähnlich Fall trifft der Spruch: Wer keine Meinung hat, hat häufig zwei parat. Davon erzählt auch die folgende Fabel: Der Igel hatte eine Ballade verfaßt und trug sie dem Löwen vor. Da der Löwe ein wenig müde war, nickte er mit dem Kopf. Der Luchs als wohlbestallter Kritiker lobte die Ballade mit schönen Worten. Jetzt schüttelte der Löwe den Kopf. Der Luchs besann sich und meinte, die Ballade habe natürlich auch Schwächen, und die seien, wie es scheine, gewichtiger als die Stärken. Abermals schüttelte der Löwe den Kopf. Wahrscheinlicher scheine es aber, sagte der Luchs nun, daß die Stärken gewichtiger seien als die Schwächen. Verdammt noch mal! rief da der Löwe, ich kann den Kopf schütteln, so viel ich will, die Wespe setzt sich mir immer wieder auf die Nase. Du solltest dich weniger um die Kunst kümmern, sagte der Igel zum Luchs, dafür mehr um die Nase deines Herrn. Der eigne Gestank macht keinen krank. Das gilt für alle Menschen. Der Arschkriecher, dem allgemein ein übler Geruch anhaftet, hat die makabre Gnade, daß er sich selber nicht riecht. Eine ausnehmend widerliche, weil heuchlerische Anpassung ist die Bescheidenheit. Wenn einer schon kein Licht ist, muß er doch nicht auch noch so tun, als ob er sein Licht unter den Scheffel stellt. Bescheidenheit ist Aggression auf Knien. Im Kapitalismus hat die Anpassung vor allem drei Gründe. Der erste ist der offizielle Zwang durch Gesetz, Polizei, Zensur, Arbeitsvertrag und dergleichen. Der zweite Grund sind die mehr indirekt wirkenden ökonomischen, sozialen, moralischen und dergleichen Zwänge. Diese charakterisiert die folgende Fabel: Wird ein Wort aus Angst vermieden, braucht's kein Gesetz, es zu verbieten. In meinem Reich, sprach der Löwe, gibt es keine Zensur. Bei mir kann jeder sagen, was ich will. Der dritte Grund ist die alle Lebensbereiche durchdringende Korruption, von der plumpen Bestechung über den Meinungsterror bis zur sittlichen Verblödung. Diese Korruption ist ein Charakteristikum des heutigen Kapitalismus. Ohne sie würde die bürgerliche "parlamentarische Demokratie" nicht funktionieren; sie hätte keine Wähler. Eine aparte und vielsagende Anpassung ist die des Berufsverbrechers im Kapitalismus. In seinen Motiven, seinem technischen Instrumentarium, in seinen moralischen und geistigen Entwicklungen, seiner Reaktion auf Gesetzeslage, Strafverfolgung und internationale Bedingungen, wirtschaftliche Veränderungen ist er das getreuliche Abbild der Gesellschaft. Zum Abschluß Lebensregeln Paß dich als lebenskluger Mann der Welt nach diesen Regeln an: Lob immer die Bescheidenheit, ist sie dir selbst auch noch so weit. Sei nie ganz vorn und nie ganz hinten, dann kann dich die Kritik nie finden. Wehr dich nicht gegen fremde Hüte, die eignen stehen nicht in Blüte. Nimm stets die Mitte ein im Streite, dann hast du wen an jeder Seite. Bekehre dich, bevors was setzt, flexibel nennt man sowas jetzt. Denk niemals an die Welt von morgen, die soll sich selber um sich sorgen. Wenn zwei sich schlagen, greif nicht ein, der Stärkere siegt auch allein. Sei mit dem Chefe nicht zu heiter, mit ernster Miene bringst du's weiter. Ist etwas faul, schlag keinen Krach, du kriegst nur selber was auf's Dach. Spucke dir, das merk am Ende, nie für andre in die Hände. Hauptsatz Die Anpassung der Dritten Art (Die Anpassung zwischen den Menschen) 1. Der Begriff Die Anpassung der Dritten Art kann schlichtweg als menschlicher Anstand bezeichnet werden. Allerdings ein Anstand, der die Befindlichkeit des anderen berücksichtigt. Rücksicht setzt Einsicht voraus. Und diese Einsicht muß der andere mir gewähren. Meine aktive Anpassung hat (im optimalen Falle) die passive Anpassung des anderen zum Gegenstück. Mehr noch kann die passive Anpassung die aktive animieren: Tritt mir einer in die Hacken, drehe ich mich um, damit er Gelegenheit hat und nicht versäumt, sich ordentlich zu entschuldigen; will meine Frau mir über einen beruflichen Ärger o. ä. hinweghelfen, weise ich sie nicht dummenstolz ab, sondern komme ihr entgegen. Die Anpassung der zweiten Unart hat die Anpassung der Dritten Art in Verruf gebracht, noch ehe sie den ihr zukommenden Ruf hat. Das wird durch den Umstand erleichtert, daß die Anpassung der Dritten Art durchaus auch der Selbsterhaltung, dem eigenen Nutzen dient. Das muß nicht anrüchig sein, kann es aber. Hilfsbereitschaft ist nicht immer selbstlos. Oft genug gibt man einem anderen einen Rat, von dessen Befolgung man selber den Nutzen zieht. Und selbstverständlich gibt es auch die positive, dem anderen nützliche Anpassung aus negativen Gründen, und wenn es nur der Grund ist, gelobt werden zu wollen. Und endlich ist es nicht immer ganz einfach, auseinander zu halten, wer sich wem anpaßt, wie das folgende Lied zeigt: Ballade vom lachenden Affen Die Menschheit stammt vom Affen ab, da ist was Wahres dran. Es ist nun einmal so: Wir sind der letzte Zweig am Stamm. Am Ende ist man froh, das ist nun einmal so. Den Affen aber sperrn wir ein, ein Stück Vergangenheit. Wir habens's weit gebracht mit unsrer Menschenherrlichkeit. Kein Aff' hätt das gedacht, so weit ham wir's gebracht. Der Affe sitzt im Käfig drin und äfft, so gut er kann. Was die könn' kann ich auch, denkt er bei sich und guckt uns an und kitzelt sich am Bauch. Was die könn', kann ich auch. Er ahmt uns vorn und hinten nach, vom Scheitel bis zum Steiß und wird zum Menschen schier. Wir lachen drüber, was beweist: Der Affe, das sind wir. Er wird zum Menschen schier. Und er lernt von uns dies und das und schließlich 'nen Beruf als Clown beim Zirkus Busch und bringt die Menschheit in Verruf und krieg't noch einen Tusch als Clown beim Zirkus Busch. Er ist des Menschen Konterfei aus Spucke und aus Priem. Der Affe aber lacht: Er stammt von uns - nicht wir von ihm. So weit ham wir's gebracht. Der Affe aber lacht. Aktive und passive Anpassung, Annahme und Ablehnung von Anpassung, positive und negative Motive und Ziele, verschiedentliche Übergänge der Dritten Art in die zweite Unart und umgekehrt bilden ein nicht leicht durchschaubares Geflecht im Verhalten des Menschen. Daher soll der Definition der Dritten Art der Anpassung die Demonstration folgen. 2. Beispiele Die Beispiele sollen Vielfalt und Wert der Anpassung der Dritten Art demonstrieren. Wir beginnen im Reich der Kunst. Hier zeigt sich die Anpassung der Dritten Art als ein selbstverständliches Erfordernis, und zwar entsprechend der jeweiligen Gattung. Wer als ausübender Musiker im Orchester seinen Part in Abstimmung mit den anderen Instrumenten bringt, spielt nach Noten und nicht aus Anstand richtig. Aber wo ist der Unterschied? Jeder Musiker weiß, in welche Schwierigkeiten er kommt, wenn der andere nicht "mitspielt". Und das echte Jazzspiel hat ja sein Spezifikum in der gegenseitigen Anpassung. Im Theater ist das Partnerspiel eine elementare Notwendigkeit. Und sobald der Schauspieler darüber hinaus sein Spiel so aufbaut, daß der Partner zu einer besonderen Leistung animiert wird und er diese Leistung auch noch dem Publikum annonciert, wenn sich generell die Schauspieler gegenseitig aktiv und passiv anpassen, der Begabung ihrer Partner, deren Eigenart entsprechend spielen, findet diese Begabung, diese Eigenart erst ihren vollen Ausdruck, wird der andere nicht an die Wand gespielt, sondern nach vorn. Und das wechselseitig. Das ist auch ein Anstand gegenüber dem Publikum, denn dem wird mehr geboten. (Allerdings findet diese Anpassung selten auf dem Theater statt, da dort nur wenig Kultur gepflegt wird.) Eine ähnliche Bedeutung hat die Anpassung im Sport. Ein Volleyballspiel, wo sich der eine Spieler dem anderen nicht anpaßt, wäre eine Katastrophe, wenn die gegnerische Mannschaft ordentlich eingespielt ist. Und wenn im Tennis-Doppel die Partner ihr Spiel entsprechend ihrer Stärken und Schwächen nicht abgestimmt haben, brauchen sie gar nicht erst anzutreten. Umgekehrt besteht eine bekannte und raffinierte Methode darin, sich zunächst der Spielweise des Gegners anzupassen oder ihn zur Anpassung an eine bestimmte Spielweise zu verführen, um im richtigen Moment die Anpassung zu kontern und den Gegner zu verwirren und außer Takt zu bringen. Auch die Nichtanpassung kann eine Kunst sein. Wenn nicht die wichtigste, so doch das formenreichste Gebiet der Anpassung ist die Liebe. Zunächst muß der Irrtum behoben werden, daß Gegensätze sich anziehen. Eher stoßen sie sich ab, jedenfalls, wenn die nötige Identität, Gemeinsamkeit fehlt. Oder die Ergänzung. Ein Mann ohne Weib ist ein Deckel ohne Topf. Die Liebe ist in ihrer ersten Ursache Fortpflanzungs-Paarungstrieb, und der ist beiden Seiten eigen. Seine höchste Form und für unser Thema interessanteste Eigenschaft aber ist die Liebesfähigkeit. Das Objekt der Liebe, der Partner, ist wohl nie der erträumte, und schon gar nicht der ideale. Und ganz und gar nicht ist es wahrscheinlich, daß beide Partner durch glücklichen Zufall einander ideal entsprechen. Daß der eine den anderen liebt, ist vielmehr der Liebesfähigkeit des Menschen geschuldet. Diese Fähigkeit sucht sich ihr Objekt, und da eignet sich auch ein Hund. Man muß nur einmal beobachten, mit welcher Zärtlichkeit das Kind oder die Frau oder die Oma einen Hund abknutschen, um die Stärke dieser Fähigkeit selbst am ungeeigneten Objekt zu erleben. Die meisten Ehen sind nicht der Liebeswürdigkeit des "Objekts" zu verdanken, sondern der Liebesfähigkeit des Partners. Ohne sie würden die meisten "Objekte" ungeehelicht, die meisten Ehen ungeschlossen bleiben. Das erklärt die massenhafte Erscheinung, daß die Probleme erst im Laufe der Ehe entstehen. Logischerweise müßte es ja umgekehrt sein. Die Logik (das zunehmende gegenseitige Verstehen, die Anpassung) setzt oft auch ein, nämlich im Alter. Wenn die Krise der Liebesfähigkeit überstanden ist. Was in der Krise geschehen kann, zeigt die folgende Fabel: Nimmst du die Folge für den Grund, bringst du die Logik auf den Hund Die Spitzmaus macht dem Mäuserich ständig Vorwürfe, weil er des Abends, statt schön zu Hause zu bleiben, auf die Promenade ging und dort mit den flotten Mäuschen flirtete. Da die Vorwürfe nichts fruchteten, versuchte es die Spitzmaus endlich auf eine andere Art. Sie machte sich schön, verkleidete sich und folgte dem Mäuserich auf die Promenade. Dort begann sie sogleich einen Flirt mit ihm; und da er sie sehr nett fand, folgte er ihrer Einladung, sie nach Hause zu begleiten. Dort angelangt, erkannte er, daß er vor dem eigenen Loche stand. Nun gab sich auch die Spitzmaus zu erkennen und erklärte ihn seiner Schuld für überführt. Statt aber zerknirscht zu sein, wurde der Mäuserich ungemein vergnügt und sagte: Wenn du nur immer halb so hübsch zurechtgemacht und nett zu mir gewesen wärst wie vorhin auf der Promenade, wäre ich auch immer gern zu Hause geblieben. Also hast du nicht mich, sondern dich der Schuld überführt. In der Liebe hat die Anpassung alle Formen und keine Grenzen. Wenn Liebe enthüllende Phantasie und intimste Ehrlichkeit ist, wenn einer sich dem anderen ganz und gar ausliefert, unbedenklich in die Hand gibt, dann werden die koketten Schlauheiten, wonach die Frau dem Mann scheinbar recht gibt, um in Wirklichkeit um so besser das Regime zu führen, wonach jede Frau ihr kleines Geheimnis haben muß und dergleichen zu absurdem kleinbürgerlichem Schwachsinn. Die gegenseitige Anpassung in der Ehe reicht von der Lebensplanung über die beiderseitigen Steckenpferde und Lieblingsspeisen und die Badewanne bis ins Bett. Ein gutes Mundwerk Er kann es, gleichviel wo und wann. Und kann er einmal nicht mehr, dann richtet sie ihn mit dem Munde wieder auf zur nächsten Runde. Selbstverständlich schließt die gewünschte oder offerierte Anpassung das Einverständnis des Partners ein. Die Anpassung in der Liebe, die aktive wie die passive, ist eine gemeinsame Aufgabe und ein gemeinsames Vergnügen. Bevor eine Frau sich auf die Ehe einläßt, sollte sie allerdings das folgende Gedicht zur Kenntnis nehmen: In jedem Mann steckt ein Tyrann Mädchen, nimm dir nie und nimmer einen Ehemann. Was er von Berufes wegen, höre dir jetzt an: Der Uhrenmacher zieht dich auf, der Drechsler dreht dir Spindelbeine, der Kutscher nimmt dich ins Geschirr, der Schneider plättet dir gleich eine, der Schornsteinfeger schwärzt dich an, der Klempner redet dauernd Blech, der Nagelschmied schlägt auf den Kopf, der Schuster bringt dir nichts als Pech, der Schindeldecker hockt nur oben, der Maurer denkt nur an den Durst, der Seiler dreht dir einen Strick, dem Fleischer bist du völlig Wurst. Nun weißt du, was dir blühen kann, nimmst du dir einen Ehemann. Natürlich kann auch umgekehrt der Mann Pech haben, daß keine Anpassung ihm hilft. Da empfiehlt der folgende Vers eine Notlösung: Liebesdienst Hat deine Frau ein schiefes Maul und eine krumme Seele, dann drücke ihr die Gurgel zu, daß sie sich nicht mehr quäle. In der Kindererziehung ist die Anpassung der Dritten Art von hoher Bedeutung. Eltern, die nicht fähig sind, sich in die Welt des Kindes zu versetzen, die dem Alter des Kindes entsprechende Bedürfnisse, Wünsche und Eigenarten nicht verstehen können, fügen ihrem Kinde ewigen Schaden zu. Ebenso, wenn sie die Anpassungsfähigkeit des Kindes an seine kindliche Mitwelt nicht fördern. Der Gerechtigkeitssinn ist gewiß eine Verhaltensweise, für deren Ausbildung Eltern eine besondere Verantwortung tragen. Eine nicht weniger wichtige, aber noch weniger ernstgenommene Frage ist das Verhalten der Kinder im Spiel. Der Spielverderber ist das unbeliebteste und zugleich traurigste Kind unter allen. Ob es nicht mitmachen will oder nicht kann, weil die Eltern es versäumt haben, ihm die wichtigsten Spiele beizubringen, die im Freien und die in der Wohnung. Im umgekehrten Falle muß es nicht am Rande stehen, wenn die anderen ihren Spaß haben und nicht nein sagen, wenn es als Partner gebraucht wird. Und es soll auch dann mitspielen, wenn es nicht gerade große Lust dazu hat, dann spielen auch die anderen mal ihm zuliebe mit. Dem Spielverderber zuliebe spielt keiner mit. Schließlich sollte das Kind befähigt werden, sich der Welt, der Erwachsenen anzupassen, ob nun aus Neigung oder aus Klugheit. Diese wenigen Sätze machen deutlich, welche Bedeutung die Frage der Anpassung für Eltern und Kind hat. Und wie sträflich sie mißachtet wird. Auch in der Schule. Jetzt wird auch sichtbar, was es heißt, daß der Mensch im Unterschied zum Tier ein Drei-Generationen-Wesen ist. Diese Dreierstaffette erleichtert den Einstieg ins Leben und den Ausstieg aus ihm. Wenn statt der Familie die Sippe (die Großfamilie) zur Verfügung steht, stehen statt der Mutter noch Großmütter und Tanten zur Verfügung, die das, was die eine Mutter nicht kann, meistens können. Die gegenseitige Anpassungsfähigkeit ist in der Sippe ungemein vielfältiger. Wenn aber der Enkel an der Ostsee wohnt und die Oma im Thüringer Wald, hilft auch das Auto nicht. Der heutige Fortschritt bringt mehr Trennung als Verbindung. Ein anderes aufschlußreiches Beispiel für die Anpassung der Dritten Art ist die Gastfreundschaft in ihren verschiedenen Varianten, von denen hier nur zwei charakterisiert werden sollen. Die erste Variante: Ein Tourist aus der DDR erlebte die zur Zeit der Sowjetunion berühmte Gastfreundschaft in den mittelasiatischen Republiken. Er fragte nach dem Weg zu seinem Hotel und wurde statt dessen von dem Befragten eingeladen und nach dessen Zuhause geschleppt. Im Nu saß er zu Tische, vor sich zu Essen und zu Trinken, und bevor Teller und Glas leer waren, sind sie wieder voll. Die Nachbarn kamen hinzu, Musik klang auf, es wurde gesungen und getanzt, der Gast mußte auch mit den neu Hinzukommenden trinken, ob er wollte oder nicht; er verlor den Überblick, was ihn aber nicht bedrückte, denn er war nicht mehr ganz bei sich, und als er am Morgen aufwachte, wußte er nicht, wo und wie er zu Bette gekommen war. Nach dem wieder sehr großzügigen Frühstück endlich im Hotel angelangt, wird er kalt abgewiesen. Da er die Buchung seines Zimmers nicht zur rechten Zeit wahrgenommen hatte, war es weitervergeben worden und ein anderes stand nicht zu Verfügung. Gerade, daß man ihm noch sagte, wo er sein inzwischen angekommenes Gepäck abholen konnte. Unser Gast stand unter freiem Himmel, und unter dem mußte er auch so lange schlafen, bis er im Kampf gegen die Bürokratie endlich eine Ersatzunterkunft erhalten hatte. Die zweite Variante: Die Gastfreundschaft der Eskimo, die von der Zivilisation noch unberührt sind. Kommt dort ein Fremder als Gast ins Dorf, stellen sich die Familienvorstände vor ihre Hütten zum Zeichen, daß der Gast willkommen ist. Wer ihn jedoch durch ein Blinken mit den Augen oder anderswie beeinflußt, bei ihm einzutreten, darf sich nicht wieder vor seine Hütte stellen. Einmal eingetreten, ist der Gast Herr des Hauses, weshalb es unsinnig wäre, ihm etwas anzubieten. Er kann sich unbedrängt nehmen, was und wieviel ihm angenehm ist. Auch darf man ihn, wenn er gehen will nicht bitten, zu bleiben. Was ihm gefällt, darf er mitnehmen. Und hat er etwas vergessen, trägt der Gastgeber es ihm nach, und wenn es Tage oder Wochen kostet. Der Gast ist nicht, wie in den mittelasiatischen Republiken, der Gastfreundschaft unterworfen. Er muß sich nicht aus Dankbarkeit wider seinen eigentlichen Bedürfnissen verhalten. Er behält seine Freiheit. Also: Zwei Gastfreundschaften, wo man die erste lobt, wenn man die zweite nicht kennt. Und zwei völlig verschiedene Varianten der Anpassung: In der ersten Variante die Anpassung des Gastes an den Gastgeber - in der zweiten die des Gastgebers an den Gast. In der ersten Variante ist der Gast Objekt, in der zweiten Subjekt. Eine grundlegende objektive Bedingung und Ursache der Anpassung ist die Arbeitsteilung, die ökonomische, die gesellschaftliche und die persönliche. Ohne Anpassung würde die Arbeitsteilung nicht funktionieren. Deshalb funktioniert die Anpassung. Eine aufschlußreiche Form in diesem Bereich ist die Anpassung des Handlangers. Er sollte und kann der eigentliche Meister sein. Er reicht dem Meister die Zange, noch bevor der weiß, daß er sie braucht. Er denkt voraus, sorgt für die rechtzeitige Beschaffung des Materials und beugt möglichen Schwierigkeiten vor. Er führt sozusagen dem Meister die Hand. Der Chirurg weiß was ein Handlanger wert ist, wenn er eine gute OP-Schwester hat. Stellen wir uns eine Welt vor, in der jeder Handlanger eines jeden ist, unabhängig von Stand, Beruf, Geschlecht, Einkommen, Alter, Rasse. Wo jeder Geber und Nehmer ist, wo Geben seliger denn Nehmen ist, wo keiner unglücklicher, aber jeder glücklicher ist. Was wäre das für eine Welt? Und wo kriegen wir sie her? Irgendwann muß die Frage aufkommen, ob die Anpassung der Dritten Art nicht mit der Lebenskunst identisch ist. Da gibt es zunächst einige gravierende Unterschiede. Der Lebenskünstler ist ein Mensch, der aus beinahe allem einen Nutzen oder Genuß zu ziehen vermag. Der selbst im Schlechten das Gute sieht, der ein Problem so anpackt, daß es irgendwie bewältigbar erscheint, der in unbeachteten Dingen etwas Schönes, Poetisches, Angenehmes zu entdecken vermag, der die Welt möglichst nicht so nimmt, wie sie ist, sondern wie er sie deutet. Er hat seine geistigen Ahnen in den griechischen Sophisten, in Montaigne und Schopenhauer. Er tendiert zum Subjektivisten und Egoisten, selbst wenn er das Glas gern mit anderen hebt. Die Anpassung der Dritten Art verlangt nicht die Zurückstellung des eigenen Wohles, wohl aber die Achtung des Wohles der anderen. Und das wiederum verlangt eine größere Verantwortung, eine größere Achtung der Zusammenhänge und der Folgen der Anpassung. Die Dritte Art der Anpassung setzt die Kenntnis der anderen Arten der Anpassung voraus. Sie verlangt nicht, zum "selbstlosen Schaf" zu werden, sie schließt im Gegenteil die Anpassung an sich selber ein. Die Anpassung an sich selber ist gemeinhin schwieriger als die an andere, und sie wird auch weniger reflektiert, über sie wird weniger öffentlich aufgeklärt. Immerhin gibt es einen nützlichen Spruch. Glück ist die Übereinstimmung von Wollen, Können und Dürfen 3. Hindernisse Wie die Auswahl der Beispiele typisch, aber nicht systematisch war, so ist auch die Auswahl der Hindernisse einer Anpassung der Dritten Art nicht systematisch, aber typisch. Die aktive wie die passive Anpassung hat zur Bedingung, sich in den anderen hineinzuversetzen. Das verlangt vom sich Anpassenden, da der andere sich oft verschließt oder über seinen Zustand hinwegzutäuschen versucht, einiges Geschick und Takt. Ein anderes Hindernis ist der komplizierte Charakter. Mancher pflegt einen komplizierten Charakter, weil er ihn für besonders vornehm hält. Oder er hat ihn ungewollt, weil er nun einmal ein guter Schriftsteller bzw. Wissenschaftler bzw. Familienvater, aber ein miserabler Arbeitskollege, Gesellschafter bzw. Pädagoge ist. Solche verunglückten Kombinationen gibt es mehr als wahrgenommen. Da hilft nur der weise Spruch: Ist ein Mensch nicht einfach, so nimm ihn eben zweifach. Ein anderes Problem ist die Notlüge: Wenn der Partner die Wahrheit nicht oder nicht gleich oder nicht nackt verträgt. Die Notlüge muß uns keine Skrupel machen, denn die Wahrheit ist nicht das Höchste. Über der Wahrheit steht noch immer die Weisheit. Allerdings sollte man auf Dauer der Wahrheit vor der Lüge den Vorzug geben, sonst holt uns die Lüge ein. Aber was soll man machen, wenn ein Artist, der gerade auf dem Hochseil probt, ein Fax bekommt, daß seine Mutter gestorben ist? Soll man ihm die Wahrheit hinaufrufen? Hier ist die Entscheidung leicht; andere Fälle sind nicht weniger gefährlich, aber schwieriger zu entscheiden. Eine andere Problematik ist in folgendem Gedicht beschrieben: Wohin gehst du, kleines Wort? Verstehen Sie, das Mißverstehn ist allzuhäufig schon geschehn. Ein kleines Wort, ein harmlos Wort, ganz ohne fehl an seinem Ort, kann durch ein kleines Mißverstehn im Handumdrehn ins Auge gehn. Und unbesehn gilt dann nur mehr das Mißverstehn. Der eigentliche Sinn vom Wort ist fort und wurde nimmermehr gesehn. Der Spruch Das Einfache schwerverständlich zu machen, ist die Genialität der Dummköpfe. verdeutlicht eine verwandte Schwierigkeit. Und das Streiten ist schon gar ein Problem, um nicht zu sagen eine Kunst. Da der Streit häufig aus der Erregung heraus entsteht, sozusagen im fliegenden Start, ist nicht gesichert, daß er zur rechten Gelegenheit anfängt, daß beide Seiten gerade zu diesem Thema aufgelegt sind, die nötige Zeit und Geduld haben. Und: Worüber man sich nicht einigen kann, darüber kann man auch nicht streiten. Ein schlagender Spruch heißt: Wer Lust hat, hat auch Zeit. Leider hat heutzutage auch die Umkehrung etwas für sich: Wer keine Zeit hat, hat auch keine Lust. Auch keine Lust, sich anzupassen, aktiv oder passiv. Als schließliches Hindernis der Anpassung soll der Minderwertigkeitskomplex genannt sein. Er ist ungeheuer verbreitet, obwohl nicht jede "Minderwertigkeit" einen Komplex hat, dafür haben viele Nichtwinderwertige einen. Und andere wissen nicht, daß sie einen haben, oder sie bestreiten es doch zumindest. Und schließlich haben wir noch den umgestülpten Minderwertigkeitskomplex. Dessen Symptome wiederum sind mit den Symptomen anderer Charaktereigenschaften verwechselbar oder gleich, als da sind: Eitelkeit, Arroganz, Selbstgenügsamkeit, abweisend gegen Hilfe, die Unfähigkeit, sich mit Anstand in ein Gespräch einzuordnen, Geltungsbedürfnis oder einer Bitte nicht sofort nachzukommen. (Letztes Symptom, nicht als Befehlsempfänger erscheinen zu wollen und deshalb einer Bitte nur verzögert, sozusagen nach eigenem Gutdünken und eigenem Willen zu folgen, ist bezeichnenderweise auch die charakteristische Verhaltensweise des Bürokraten.) Angesichts dieser widersprüchlichen Erscheinungsweise des Minderwertigkeitskomplexes, seiner umgestülpten und verwechselbaren Symptome ist wohl klar, welche Kunst die Anpassung hier aufbringen muß. Und wir können froh sein, daß dieser Komplex im nächsten Kapitel abgeschafft wird. 4. Der eigentliche Mensch Ist der Mensch eigentlich, von Natur aus, gut? Diese Frage ist vom Standpunkt des Marxismus aus unerlaubt. Wenn das Sein das Bewußtsein, die Verhältnisse das Verhalten des Menschen bestimmen, ist er in Zeiten der Urgesellschaft ein anderer als in Zeiten der Klassengesellschaft, ist der Imperialist ein anderer als der Arbeitslose. Einen (moralischen) Urtyp des menschlichen Charakters gibt es nicht. Typisch ist vielmehr seine Anpassungsfähigkeit, im guten wie im schlechten Sinne. Das Verhalten der Eskimo bzw. der Mittelasiaten im Falle der Gastfreundschaft war der klassische Beweis darauf. Aber hat die Geschichte nicht gezeigt, daß die Menschen eigentlich gut sind? Hätten sie sonst 70 bzw. 45 Jahre diesen schäbigen Sozialismus ausgehalten? Aber sie sind auch schlecht. Würden sie sonst diesen schändlichen Kapitalismus aushalten? Umgekehrt ist es richtiger: Selbst der schlechteste Sozialismus hat sie (bedingt) zu guten Menschen gemacht, wie der beste Kapitalismus sie zu schlechten Menschen macht. Der schlechteste Sozialismus ist eben immer noch ein besseres Sein als der beste Kapitalismus. Der gegenwärtig in Mode gekommene Unglaube an die Möglichkeit einer grundsätzlich besseren Zukunft rührt nicht daher, daß diese Zukunft eine Illusion ist, sondern daher, daß die Gegenwart eine Misere ist. Die gegenwärtige Welt ist auch deshalb in der miserablen Verfassung, weil das perspektivische Denkvermögen in der miserablen Verfassung ist. Die Misere des Denkens in die Zukunft ist nicht das Problem der Zukunft, sondern der Gegenwart. Wir haben es hier mit einer Spielart der Komitragödie zu tun, wodurch das folgende Gedicht möglich wird: Oma, erzähl uns was Wenn heut die Enkel tollen um Omas Knie und wollen was hörn als Ohrenschmaus, dann sucht die Oma aus das Märchen von Schneewittchen des Prinzen losem Flittchen und andres, was sie hält zu nutz der Kinderwelt. Da lachen und da weinen sich unvermerkt die Kleinen in eine Märchenzeit, und Mär wird Wirklichkeit. Wenn dermaleinst die Enkel der Oma ziehn am Senkel und wolln was Lustges hörn und weinen auch mal gern, da ist sie gleich bereit und schildert unsre Zeit. Und allen klingts, auf Ehr, als obs ein Märchen wär. Verabschieden wir uns für jetzt von der Misere und wenden uns drei großen Zukunftsprojektionen zu. Wenn die Menschheit als Ganzes, wie Marx erkannt hat, von der Vorgeschichte (Urgesellschaft und Klassengesellschaft) zur eigentlichen Geschichte (erste und zweite Phase des Kommunismus) übergeht, müssen diesen Prozeß auch alle Teile, Seiten, Elemente und schließlich auch der Mensch vollziehen. Vor der eigentlichen Geschichte kann auch der Mensch nicht eigentlicher sein. Die erste Projektion ist die gesellschaftliche Transfermation. Sie beruht auf der Wissenschaft der Soziologischen Transfermatik. Das ist eine Übertragungswissenschaft, vergleichbar der Bionik, allerdings finden die Übertragungen nicht aus der Natur in die Technik statt, sondern innerhalb der Gesellschaft, von einem Gebiet, Prozeß, Lebensbereich in einen anderen. Unendlich viele Erfahrungen, Methoden, Techniken und dergleichen lassen sich hier abnehmen und dort anwenden. In einem Industriebetrieb werden Waren produziert, die für den Gebrauch durch andere gedacht sind. Die Gesellschaft als ganze produziert dauernd Methoden, Konstellationen, Zusammenhänge, Prozesse, Strukturen, die ihren Zweck allein in sich selbst haben, beispielsweise das Zusammenspiel beim Volleyball, die Familienstruktur, die Zirkusdramaturgie und so fort, die, da sie dafür nicht gedacht sind, nicht zur Weiterverwendung an Dritte angeboten und von diesen auch nicht verlangt werden. Obwohl die Übertragung z. B. der Personenanordnung in der Gemüseküche in die darüberliegende Montagehalle eine Produktionssteigerung um dreißig Prozent bringt, und zwar auf Dauer. (In Verbindung mit der Soziologischen Transfermatik erhält der Begriff Zweckentfremdung eine weitreichende Bedeutung.) Die menschliche Gesellschaft ist der größte, kreativste Produzent, die größte Fabrik, die es je gab und die möglich ist. Aber das, was sie produziert, wird nicht von Dritten genutzt. Auch das, was sie in der Vergangenheit produziert hat. Dieser ungeheure und ungeheuerliche Verschleiß ist charakteristisch für die Vorgeschichte der Menschheit, und er macht die eigentliche Geschichte notwendig und zugleich möglich. Die gesellschaftliche Transfermation macht den Kommunismus möglich, und sie ist erst in ihm möglich. Sie entfaltet ihre unendliche Effektivität erst, sobald sie eine flächendeckende gesellschaftliche Einrichtung geworden ist: als ermittelnde, forschende und angewandte Transfermation. Für unser Thema, für die Anpassung der Dritten Art, ist die gesellschaftliche Transfermation ein unerschöpfliches Reservoir und Repertoire. (Ausführlichere Darstellung der Soziologischen Transfermatik in "Revolution auf Knien ...", Seiten 37 bis 53). Die zweite Zukunftsprojektion ist das Prinzip Gleichheit. Dieses Prinzip setzt sich aus drei Teilen zusammen. Erstens: Der Mensch ist für die Anlagen, die geistigen sowohl wie die körperlichen, nicht verantwortlich, denn er hat sie nicht geschaffen, ebensowenig die Verhältnisse, unter denen er seine Anlagen bildet. Folglich ist er für sich nicht verantwortlich, ebensowenig für sein Tun und Lassen. Und auch das, was er aus sich macht, kann er nur mit dem machen, was er nicht gemacht hat. Da bleibt kein Schlupfloch. Die Selbstverantwortlichkeit des Menschen ist ein epochaler Irrtum. Die Naturvölker haben ihn nicht gekannt. Die Klassengesellschaft hat ihn gebraucht und deshalb kultiviert. Die eigentliche Geschichte schließt ihn aus allen Gründen aus. Zweitens: Sobald das kommunistische Verteilungsprinzip "Jeder nach seinen Bedürfnissen" gilt, die individuell unterschiedlichen Leistungen folglich ökonomisch nicht mehr bewertet werden, wird auch ihre moralische Bewertung, die Verantwortlichkeit für sie, hinfällig. Sie hat nicht nur keinen Sinn mehr, sie wird widersinnig, weil sie wider das Prinzip der Verteilung nach den Bedürfnissen wirken würde. Wer mehr leistet als ein anderer und sich darauf etwas zugute hält, wird schwerlich damit einverstanden sein, daß der andere das gleiche oder sogar mehr nehmen darf als er. Das Verteilungsprinzip des Kommunismus kann nur funktionieren, wenn keiner individuelle Fähigkeiten und Leistungen für ein persönliches Verdienst hält. Damit ist die Moral der Selbstverantwortlichkeit für immer aufgehoben. Jeder nach seinen Bedürfnissen ist die letzte Konsequenz des Prinzips Gleichheit. Und damit die letzte Konsequenz gegen alle Gleichmacherei. Drittens: Wer die irrige Vorstellung, ein Verdienst daran zu haben, daß er so ist, wie er ist, fahren läßt, der läßt auch allen Hochmut fahren, allen Stolz, alle Überheblichkeit und alle Verachtung. An ihre Stelle treten Verständnis und selbstverständliche Hilfsbereitschaft. Die Aufhebung der Moral der Selbstverantwortlichkeit hebt also nicht die gegenseitige Beeinflussung auf. Ich schiebe doch einen Stein, der mir im Wege liegt, nicht deshalb nicht beiseite, weil ich weiß, daß er nichts dafür kann, daß er mir im Wege liegt. Wer dem anderen nicht die Schuld daran gibt, daß er so ist, wie er ist, hat keinen moralischen Vorbehalt mehr, die Schwächen des anderen durch die eigenen Stärken auszugleichen. Wie umgekehrt keiner seine Schwächen verheimlicht und ihren Ausgleich behindert, sobald er vom Irrglauben, ein sündiges Wesen zu sein, befreit ist. Der Minderwertigkeitskomplex gehört für immer der Vergangenheit an. Die aktive wie die passive Anpassung kann sich voll verwirklichen. (Ausführlicher zum Prinzip Gleichheit in "Revolution auf Knien ...", Seiten 128 bis 133.) Von Wichtigkeit ist schließlich, daß Gleichheit Verläßlichkeit zur Folge hat. So wenig ein Millionär und ein Obdachloser sich aus Grund aufeinander verlassen können, so sehr können sie sich aufeinander verlassen, wenn der Grund, nämlich die Ungleichheit, wegfällt. Verläßlichkeit ist aber ein integrierendes Element aller Anpassung, der aktiven wie der passiven. Die dritte Projektion ist die Heiterkeit. Heiterkeit in unserem Verständnis ist die Form (sprich: Funktion) und der Genuß der Freiheit. Als das hat die Heiterkeit einmal weltweit geherrscht, von den Eskimo bis zu den Pygmäen, von den Itelmenen Kamschatkas bis zu den Südseeinsulanern und von den nordamerikanischen Indianern bis zu denen Südamerikas. Die Heiterkeit war allgemeine Grundstimmung der Naturvölker, als das hatte sie von Nord bis Süd, von Ost bis West auf unserer Erde die Herrschaft inne. Das sollte man wissen. Aber das interessiert unsere Historiker wenig, weder die bürgerlichen noch die marxistischen. Und noch weniger interessiert sie, daß diese Heiterkeit auf der Freiheit beruhte. Und am wenigsten interessiert sie, daß diese Freiheit auf der Gleichheit beruhte. Gleichheit ist das Fundament von allem. Ohne sie ist die Freiheit Zynismus (denken wir an den Obdachlosen). Und ohne wirkliche Freiheit ist die Heiterkeit Boulevardtheater. War die Heiterkeit der Naturvölker Grundstimmung, so ist sie als Negation in der Klassengesellschaft Grundsehnsucht, um als Negation der Negation in der eigentlichen Geschichte Grundhaltung zu werden. Als Grundhaltung ist sie sich ihrer selbst bewußt, ist sie die Philosophie ihrer selbst. Philosophie der Heiterkeit ist erwachsene Lebenskunst. Und die ist identisch mit der eigentlichen Anpassung der Dritten Art. Ernst bannt - Heiterkeit löst. Auch die Zunge. Auch die Probleme. Jedenfalls, wenn Heiterkeit Funktion der Freiheit ist. Gleichheit - Freiheit - Heiterkeit, das ist das historisch fundierte Gebäude, in dem der eigentliche Mensch wohnen wird. (Ausführlicher zum Thema Heiterkeit in "Heitere Poetik", Seiten 18 bis 27, 166 bis 173 und 222 bis 233.) Das Gänseblümchen und der Mammutbaum, der Elefant und die Mücke, der Urmensch und der eigentliche Mensch verdanken der Anpassung ihr Dasein auf unserer Erde. Die Anpassung der Ersten, der Zweiten und der Dritten Art werden jedoch erst in der eigentlichen Geschichte des Menschen voll verwirklicht. Der Einklang in der Natur, der Einklang zwischen Mensch und Natur und der Einklang zwischen den Menschen, die Welt der Gleichheit und der Heiterkeit sind Vorstellungen, die in ihrer Gesamtheit eine Gegenwelt zu unserer gegenwärtigen Unwelt bilden. Ohne Gegenwelt aber ist der Mensch kein Mensch. Diese Gegenwelt macht uns alle Unwelt ertragbar und überwindbar. * Die kursiv gesetzten Stellen sind Zitate aus den belletristischen Büchern des Autors.
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